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Die Hungrigen werden hungriger
INDIEN
Gebannt und zugleich ängstlich schauen westliche Ökonomen und Politologen nach Asien. Sie sind fasziniert vom wirtschaftlichen Boom in Indien und China und diskutieren, welche Auswirkungen dieser auf die Weltwirtschaft und die bis dato dominierenden kapitalistischen Industriestaaten habe. Kaum einer wagt den Blick in das Innere dieser aufstrebenden Gesellschaften. Ganz anders Jan Myrdal. Der schwedische Schriftsteller, Jg. 1927, mischt sich unter das Volk, geht dorthin, wo Not und Verzweiflung groß sind, aber auch der Widerstand gegen menschenunwürdige, diskriminierende Lebensverhältnisse.
Sein erstes Buch über Indien las Myrdal im zarten Alter von 14 Jahren: »Indian today« von R. Palme Dutt, ein Buch, das auch in meinem Bücherschrank steht. Trotz großer Bewunderung kann Myrdal diesem indischen Kommunisten den Vorwurf nicht ersparen, die komplizierte Lage der Unberührbaren (Dalits) auf der untersten Stufe des Kastensystems sowie der idigenen Völker, die Adivasis, nicht gebührend berücksichtigt zu haben, geistig gefangen in einer westlichen sozialistischen und kommunistischen Tradition. »Auch Karl Marx machte Fehler, als er über Indien schrieb«, meint Myrdal, der das Land mittlerweile mehrfach bereiste.
Drei Dezennien nach seinem ersten Buch über Indien, das auf Deutsch unter dem Titel »Indien bricht auf« just zur Frankfurter Buchmesse erschien, auf der Indien Gastland war, legt er einen neuen Band über das Land seines Herzens vor. Er ist, zusammen mit dem indischen Journalisten Gautam Navlakha, von der Kommunistischen Partei Indiens/Maoisten eingeladen worden, sich mit eigenen Augen vom Kampf ums Überleben der Naxaliten zu überzeugen.
»Es herrscht Bürgerkrieg in Indien«, konstatiert Myrdal gleich zu Beginn seines Buches. Die Regierung in New Delhi freilich gesteht diese Tatsache nicht ein, spricht von einem »Krieg niedriger Intensität«. Ein Begriff, den der britische General Sir Frank Edward Kitson im Kampf gegen die aufständischen Mau Mau in Kenia wie auch gegen die IRA in Nordirland geprägt hatte. Der Bürgerkrieg hat Ursachen. Während das Bruttosozialprodukt in Indien jährlich um acht Prozent wächst, leben 55 Prozent der über eine Milliarde zählenden Inder, also 645 Millionen Menschen, in bitterer Armut. Mehr als ein Drittel aller Armen in der Welt leben in Indien. Und die ärmsten unter diesen Armen sind die Dalits. Zusammen mit den Adivasis, so Myrdal weiter, stellen sie ein Viertel der indischen Bevölkerung. »Für die gegenwärtig herrschende indische Klasse mit feudalen Überbleibseln, Kompradorenbourgeoisie und bürokratischem Kapitalismus und den selbst gezüchteten Dollarmilliardären sind diese indischen Bürger/Untertanen eine völlig überflüssige Gruppe. Sie sind ebenso unterdrückt und hungrig wie damals, als ich zum ersten Mal 1958 nach Indien kam. Ich war völlig geschockt. Und ich bin es immer noch.«
Der Schwede bietet einen kursorischen kolonialgeschichtlichen Abriss, erinnert an den legendären Führer der Naxaliten und Parteigründer Charu Mazumdar, amüsiert sich darüber, wie fieberhaft die Führung der Streitkräfte herauszufinden versucht, was gemeint war, als der Generalsekretär der Maoisten, Ganapathy, ihm in einem Interview prophezeite, die Guerilla würde die Soldaten wie Honigbienen jagen, setzt sich mit dem »Krieg gegen den Terror« auseinander, reflektiert philosophische und literarische Debatten im Dschungel etc.
Wer sich über die offenen Bekenntnisse des Schweden, der für seinen Titel Anleihe bei Edgar Snows »Roter Stern über China« nahm, wundert, hier ist die Antwort: »Ich bin parteiisch. Das sind wir alle ... Ich glaube, dass es langfristig die Kämpfe des Volkes sind ...., die die Geschichte formen und entscheiden.«
Jan Myrdal: Roter Stern über Indien. Wenn die Verdammten dieser Erde sich erheben. A. d. Engl. Einar Schlereth. Zambon. 156 S., br., 12 €
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