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Tapfere Verlierer
LUIS SEPÚLVEDA: »Der Schatten dessen, was wir waren«
Nicht nur im Land selbst, auch im Exil war Hoffnung, als das Verfassungsreferendum in Chile 1988 das Ende der Militärdiktatur Pinochets einläuten würde. Rückkehr in die Heimat, Leben in einem demokratischen Land. Für viele, die nach dem Putsch gegen Allendes sozialistische Regierung am 11. September 1973 ins Ausland fliehen mussten, um Tod und Folter zu entkommen, schien ein Traum wahr zu werden: nicht länger in der Fremde ausharren, am anderen Ende des Kontinents oder der Welt, nur immer Solidarität aus der Ferne üben, nicht wissend, wie Freunde und Familie in Chile die grausame Zeit überstehen würden.
Doch die Heimkehr war für viele eine herbe Enttäuschung. Zerrieben zwischen dem unausgesprochenen Vorwurf derjenigen, die die Zeit der Diktatur in Chile erlebt und erlitten hatten, abgelehnt, schwer um die eigene Reintegration ringend, stellten sie fest, dass es das Land, das sie einst verlassen mussten, ihr Chile, nicht mehr gab. Von dieser Orientierungslosigkeit und dem typischen Außenseiterdasein der Ex-Exilanten nach der Rückkehr nach Chile handelt Luis Sepúlvedas tragikomischer Roman »Der Schatten dessen, was wir waren«. Sepúlveda weiß, wovon er spricht. Er war Mitglied der Leibgarde Allendes, lebte selbst viele Jahre in Lateinamerika und Deutschland im Exil.
Es ist nicht Verbitterung, die die Helden seiner jüngsten Geschichte treibt. Vielmehr planen die vier gealterten Revolutionäre – Cacho Salinas, Lucho Arancibia, Lolo Garmendia alias »Black Panther« und Coco Aravena –, die Robin-Hood-Mission, die vier andere Aktivisten 1925 mit ihrem Raubüberfall auf die chilenische Staatsbank begannen, zum guten Ende zu führen. Sie wollen die damals versteckte Beute tatsächlich den Armen im Land zukommen lassen. Denn der Demokratisierungsprozess hat lange nicht die Gerechtigkeit gebracht, die sie erhofften. Überdies erfordert die Suche nach einer neuen Identität jenseits des Etiketts »Zurückgekehrter« radikales Handeln. Doch ihr Plan stößt auf Hindernisse. Der »Experte« für Raubzüge, ein Enkel des legendären Ganoven der ersten Aktion, wird leider von einem durchs Fenster auf die Straße fliegenden Dual-Plattenspieler tödlich getroffen. Im »Mordfall«, der eigentlich ein Unfall ist, ermitteln Inspektor Crespo und die 1973 geborene Detektivin Adelita Bobadilla, die mit unkonventionellen Polizeimethoden einen Beitrag zu einer neuen – gerechten – chilenischen Justiz leisten wollen.
Es sind liebenswürdige, tragische Gestalten, die Sepúlvedas Roman bevölkern. Ohne Larmoyanz und mit sehr viel Selbstironie erzählt er von der Schwierigkeit des Ankommens in einem immer noch instabilen Land, das, wie die aktuellen Studentendemonstrationen zeigen, nach wie vor um einen neuen Anfang ringt. Ein kluges und unterhaltendes, ironisches und kritisches Buch. Mit viel Sympathie denen gewidmet, deren jugendliche Kompromisslosigkeit – einschließlich dogmatischer Fehleinschätzungen in diversen linken Grüppchen – ebenso aus der Zeit gefallen ist wie sie selbst. Und doch könnten sie die Brücke zu jenen schlagen, die heute wieder auf die Straße gehen und mit Kiss-Ins und anderen fantasievollen Aktionen versuchen, das lange Erbe der Diktatur endlich wirklich abzuschütteln.
»Ich wollte ein Buch über meine Generation schreiben, denn wir sind tapfere Verlierer«, erklärte Sepúlveda kürzlich anlässlich einer Lesung in Berlin. Zugleich zeigt er der Welt, dass der Humor und die unbändige Lebenslust der Chilenen Wege sind, noch die tragischsten Tragödien zu bewältigen und vorwärts zu leben. Vorwärts und nicht vergessen.
Luis Sepúlveda: Der Schatten dessen, was wir waren. Roman. A. d. Span. v. Willi Zurbrüggen. Rotpunkt Verlag. 280 S., geb., 19,50 €
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