Macht Philosophie Mut?

Wolfram Eilenberger über Aufklärung und Lob des Lebens / Eilenberger ist Philosoph und Chefredakteur des neuen »Philosophie Magazin«

  • Lesedauer: 3 Min.

ND: Heute ist Welttag der Philosophie. Seit gestern ist Ihre neue Philosophie-Zeitschrift auf den Markt. Ein bewusstes Timing oder Zufall?
Eilenberger: Das Datum ist durchaus bewusst gewählt. Von einem Welttag zu sprechen, scheint mir sehr passend. Denn Philosophie hat ja keine Nationalität. Vielmehr ist sie eine kulturübergreifende Haltung, die jedem Menschen zu jeder Zeit einzunehmen offen steht.

Wer sind Ihre Adressaten? Zunftkollegen? Wenden Sie sich an Gelehrte wie die »Deutsche Zeitschrift für Philosophie«, eine DDR-Gründung, die erfreulicherweise im Akademieverlag fortgeführt wird?
Wir sind ausdrücklich kein akademisches Magazin, sondern wenden uns an alle Menschen, die an einer Reflexion ihrer eigenen Lebenssituation interessiert sind. Unser Ziel ist es, philosophische Gedanken allgemeinverständlich auf konkrete Fragen des Alltags und der Politik anzuwenden. Wir bringen die Philosophie also dorthin zurück, wo sie mit Sokrates ihren Anfang nahm: auf den Marktplatz, im offenen Gespräch mit interessierten Mitbürgern.

Glauben Sie, dass es einen breiten Interessentenkreis gibt?
Daran habe ich keinen Zweifel. Die Menschen sehnen sich nach Wahrhaftigkeit, nach Orientierung im Leben und auch nach der Nähe eines freundschaftlichen Gesprächs. Philosophie bietet dies alles.

Die UNESCO-Resolution, die den dritten Donnerstag im November zum Welttag der Philosophie bestimmte, erklärt, dass Philosophie »zum kritischen und unabhängigen Denken ermutigt und auf ein besseres Verständnis der Welt hinwirken und Toleranz und Frieden fördern kann«. Glauben Sie auch, dass Philosophie diese Macht hat?
Gewiss, im Kern sind das die Ideale der Aufklärung: der Auszug aus einer vermeidbaren Unmündigkeit durch die Aktivierung des eigenen Verstandes. Philosophie bedeutet aber nicht nur Kritik, es gibt auch eine Philosophie, die das Leben lobt und in seiner vielfältigen Schönheit preisen lehrt. Auch diese Kultur des Lobens kann ein Beitrag zum Frieden sein.

In der ersten Ausgabe präsentieren Sie ein Interview zwischen Julian Assange und Peter Singer.
Ein faszinierendes Gespräch. Es lässt vor allem Julian Assange als Denker hervortreten, der sich von einem naiven Internetoptimismus, den viele seiner Anhänger auch hier in Deutschland vertreten, klar distanziert. Gerade in diesen Bereichen kann philosophisches Denken heute viel leisten.

Was bietet das Heft zudem?
Wir bieten eine thematische Vielfalt, die alle Bereiche des Lebens umspannt. So erklärt der Philosoph Axel Honneth beispielsweise im Interview, weshalb steigende Scheidungsraten auch als Zeichen sozialen Fortschritts gedeutet werden können. Aber wir haben auch Platz für einen Komiker wie Christoph Maria Herbst, um seine Zweifel an der Demokratie als bester Regierungsform zu formulieren.

Das Heft kostet 5,90 €. Sie starten mit einer Auflage von 100 000. Ist das nicht sehr tollkühn?
Das ist unsere Form von Realismus. Wir glauben fest an den Erfolg eines Monatsmagazins, das die Fragen seiner Leser ernst nimmt und sich bewusst gegen den medialen Trend zur Infantilisierung der Gesellschaft wendet.

Fragen: Karlen Vesper

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