Erzwungener Adventsausflug

Wegen der jüngsten Bombenfunde soll halb Koblenz geräumt werden

  • Hans-Gerd Öfinger
  • Lesedauer: 3 Min.
Im Rheinbett bei Koblenz wurden in den letzten Tagen mehrere gefährliche Weltkriegsbomben gefunden. Am Sonntag sollen deswegen große Teile der Stadt geräumt werden.

Auf eine der größten Evakuierungsaktionen der Stadtgeschichte bereiten sich derzeit Behörden, Katastrophenschutzeinrichtungen und Einwohner im rheinland-pfälzischen Koblenz vor. Am Sonntag sollen 45 000 der rund 106 000 Einwohner von Koblenz ab 9 Uhr ihre Wohnungen verlassen haben und sich außerhalb einer markierten Gefahrenzone aufhalten. Diese umfasst vor allem die Altstadt und südliche Vororte.

Hintergrund des Großeinsatzes ist der seit Wochen extrem niedrige Wasserstand des Rheins. Dadurch wurden die Behörden auf mehrere Weltkriegsbomben aufmerksam, die jahrzehntelang unbeachtet auf dem Grund des Flusses unweit des Stadtteils Pfaffendorf gelegen hatten, nun aber sichtbar wurden.

Hospitäler und Gefängnis

Höchste Anstrengung dürfte den beteiligten Profis vor allem die Entschärfung einer 1,8 Tonnen schweren britischen Fliegerbombe mit einem Sprengstoffanteil von 1,4 Tonnen abverlangen. Sie muss für die Entschärfung zunächst mit Hilfe von riesigen Sandsäcken trockengelegt werden. Experten gehen davon aus, dass diese Bombe immer noch »hochgehen« könnte.

Der Beginn der eigentlichen Entschärfung durch den Kampfmittelräumdienst ist bisher für 15 Uhr vorgesehen - mit offenem Ende. Informationsblätter zur Evakuierung lässt die Stadtverwaltung in diesen Tagen an die betroffenen Haushalte verteilen. Besonders aufwendig gestalten dürfte sich die Evakuierung von zwei Krankenhäusern und sieben Altersheimen. Dem Vernehmen nach nehmen die Kliniken seit Tagen nur noch neue Patienten auf, wenn diese bis zum Wochenende wieder entlassen werden können. Für die alternative Unterbringung der Strafgefangenen einer Justizvollzugsanstalt im Sperrgebiet sind die rheinland-pfälzischen Justizbehörden zuständig.

Nach Mitteilung des gemeinsamen Führungsstabs von Behörden, Katastrophenschutz- und Hilfsorganisationen werden Ordnungskräfte am Sonntag von Tür zu Tür gehen und sicherstellen, dass sich niemand mehr zu Hause aufhält. Ab 9 Uhr finden im Evakuierungsbereich umfangreiche Kontrollen statt - Straßen, Wege und Brücken sind für die Allgemeinheit gesperrt. Wer dann immer noch zu Hause angetroffen wird, muss mit Zwangsmaßnahmen rechnen.

Einwohner ohne eigenes Auto können für das Verlassen des Sperrgebiets kostenlose Busse nutzen. Viele werden bei Verwandten und Bekannten in der Umgebung Unterschlupf finden. Eine große Hotelkette macht aus der Not eine Tugend und bietet Vier-Sterne-Doppelzimmer zum Schnäppchenpreis an. Wer nicht zahlen kann oder will, kann Notunterkünfte in Schulhäusern oder Vereinsheimen aufsuchen. Um die Menschen bei Laune zu halten, haben viele Vereinsheime ihre Weihnachtsfeiern auf Sonntag terminiert. Ausgelagert aus der Stadt werden auch kulturelle und sportliche Großveranstaltungen.

Folgen für den Bahnverkehr

Schließlich wird die Aktion auch den Eisenbahnverkehr auf der wichtigen Nord-Süd-Achse im Rheintal beeinträchtigen. Der Koblenzer Hauptbahnhof sowie der Schienenhaltepunkt Koblenz-Mitte werden ab 9 Uhr gesperrt. Durchfahrende Personenzüge werden dann dort nicht mehr halten.

Am Nachmittag wird auch der Bahnverkehr auf beiden Rheinseiten zum Erliegen kommen. Diese Sperrung dürfte den gesamten Bahnfahrplan zumindest im westlichen Deutschland beeinträchtigen. Bahnreisende sind dazu aufgerufen, am Sonntag den Großraum Koblenz weiträumig zu umfahren.

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