»Dinge können sich ändern«
Der Dokumentarfilm »Radioactivists« porträtiert die japanische Anti-AKW-Bewegung
Deutschland reagiert anders als Japan: Das ganze Ausmaß der Katastrophe von Fukushima war noch gar nicht bekannt, da gingen hierzulande schon Tausende auf die Straße. In der ganzen Republik versammelten sich Menschen zu Mahnwachen, kurze Zeit später wandelte sich die Trauer zu Wut und die deutsche Anti-AKW-Bewegung demonstrierte für ein Abschalten der Reaktoren. Ganz anders in Japan: Hier dauerte es einen Monat, bis Tausende gegen Atomkraft auf die Straße gingen.
Doch die Resonanz überraschte selbst die Organisatoren: Sie hatten 500 Teilnehmer angemeldet, gekommen sind 15 000 Menschen. In Japan sind das die größten Proteste seit den 70er Jahren. Die Reaktorkatastrophe hat ein neues politisches Bewusstsein geschaffen, vor allem unter jungen Menschen, das zeigt der Dokumentarfilm »Radioactivists« von Julia Leser und Clarissa Seidel.
Wie lässt sich der Wandel erklären? Fünf Aktivisten und Gesellschaftswissenschaftler - allesamt männlich - versuchen Antworten zu geben. Der Soziologe Yoshitaka Mori glaubt, das Problem sei die »Sozialstruktur« in Japan, die Fukushima erst möglich machte. Im Streben nach Wohlstand habe in den letzten Jahren die Zahl der Zeitarbeiter extrem zugenommen. »Diese soziale Klasse akzeptiert die Gefahren am Arbeitsplatz - und Atomkraft braucht solche Leute.«
Nun aber hat Fukushima das Bewusstsein geändert. »Früher konnten wir uns nicht vorstellen, dass Japan verschwindet, selbst bei einer großen Rezession«, sagt der Aktivist Hajime Matsumoto. »Aber jetzt haben wir gelernt: Nichts ist sicher.«
Das bringt Leute zum Nachdenken, aber noch nicht auf die Straße. Bisher waren Proteste praktisch unsichtbar. Die Polizei darf Demonstranten 23 Tage einsperren - ohne Grund. Aktivisten sprechen von einer »unterdrückenden Atmosphäre«.
Nun aber demonstrieren Tausende - und auf der Straße herrscht Partystimmung, Bands spielen, die Leute tanzen. Passt das zu dem ernsten Thema? »Der Grund dafür war offensichtlich, dass die Leute seit dem Erdbeben Möglichkeiten vermisst haben, mit anderen Menschen zusammen zu sein«, sagt Soziologe Mori. Ist das der Beginn einer neuen Protestkultur in Japan? Aktivist Matsumoto ist zuversichtlich: »Dinge können sich ändern.«
Radioactivists - Protest in Japan since Fukushima. D/J 2011, 72 Minuten. Berlin-Premiere: Sonntag, 11. Dezember 2011, 18 Uhr, Kino Moviemento.
Infos: www.radioactivists.org
Das »nd« bleibt. Dank Ihnen.
Die nd.Genossenschaft gehört unseren Leser*innen und Autor*innen. Mit der Genossenschaft garantieren wir die Unabhängigkeit unserer Redaktion und versuchen, allen unsere Texte zugänglich zu machen – auch wenn sie kein Geld haben, unsere Arbeit mitzufinanzieren.
Wir haben aus Überzeugung keine harte Paywall auf der Website. Das heißt aber auch, dass wir alle, die einen Beitrag leisten können, immer wieder darum bitten müssen, unseren Journalismus von links mitzufinanzieren. Das kostet Nerven, und zwar nicht nur unseren Leser*innen, auch unseren Autor*innen wird das ab und zu zu viel.
Dennoch: Nur zusammen können wir linke Standpunkte verteidigen!
Mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin:
→ Unabhängige und kritische Berichterstattung bieten.
→ Themen abdecken, die anderswo übersehen werden.
→ Eine Plattform für vielfältige und marginalisierte Stimmen schaffen.
→ Gegen Falschinformationen und Hassrede anschreiben.
→ Gesellschaftliche Debatten von links begleiten und vertiefen.
Seien Sie ein Teil der solidarischen Finanzierung und unterstützen Sie das »nd« mit einem Beitrag Ihrer Wahl. Gemeinsam können wir eine Medienlandschaft schaffen, die unabhängig, kritisch und zugänglich für alle ist.