Leben mit den Trümmern
Zwei Jahre nach dem Erdbeben geht in Haiti der Wiederaufbau nur schleppend voran
Nur ein ungläubiges Kopfschütteln hat Stefanie Gilleaume auf die Fragen parat, was sich seit dem schweren Erdbeben vor zwei Jahren für sie zum Guten verändert hat. Was soll sie auch antworten? Sie und ihre Familie konnten gerade mal das nackte Leben retten. Seitdem campieren sie in einem Zeltlager in der näheren Umgebung des internationalen Flughafens von Port-au-Prince: Seit 730 Tagen ist das neue Zuhause der 19-Jährigen eine Zeltplane über knapp zehn Quadratmetern. Die gemietete Hütte ist zerstört. Ohne eigenes Grundstück gibt es keine Chance, ein richtiges Haus zu beziehen. Seit 730 Tage muss die Abiturientin Wasser aus einem provisorischen Tank holen, sich mit Hunderten ein Dixi-Klo teilen. »Überhaupt nichts hat sich geändert«, sagt Stefanie resigniert.
Aus der Sicht der rund 550 000 Menschen, die wie Stefanie noch in rund 9800 Notunterkünften in und nahe der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince leben müssen, hat sich wirklich nicht viel verändert. Sie sind auf Lebensmittel- und Wasserlieferungen von Hilfsorganisationen angewiesen, sind häufig traumatisiert und meist ohne therapeutische Betreuung. Und von Arbeit können die meisten nur träumen.
Port-au-Prince ist auch zwei Jahre nach dem »großen Grollen« noch immer ein riesiger Trümmerhaufen. Schuttberge in Delmas, im Stadtzentrum, in Bel Air und Canapé Vert. Dazwischen haben sich die Menschen eingerichtet - und sind in all dem Chaos zur Tagesordnung übergegangen. Leben in prekären Verhältnissen war schon vor der Katastrophe das tägliche Brot der Mehrheit der zehn Millionen Landesbewohner, rund zwei Drittel müssen den Lebensunterhalt von weniger als einem Euro täglich bestreiten.
Dass der Wiederaufbau einer Mammutaufgabe gleicht, ist angesichts der Dimension des Erdbebens verständlich: Bei den 50 Sekunden dauernden Erdstößen von der Stärke 7,2 starben schätzungsweise 316 000 Menschen, eine etwa gleich große Zahl wurde verletzt und 1,85 Millionen Menschen wurden obdachlos. So gesehen ist es ein Erfolg, dass 1,3 Millionen Menschen wieder ein - wenn auch behelfsmäßiges - Dach über dem Kopf haben, Tausende mit amputierten Gliedmaßen dank Prothesen wieder laufen, greifen und sich bewegen können.
Erschwert wird der Wiederaufbau durch den politischen Zusammenbruch und die Begehrlichkeiten korrupter Politiker, die angesichts von mehreren Milliarden Euro Soforthilfe deutlich wurden. Seither ist Port-au-Prince Boomtown. Die Mieten können sich nur noch ausländische Katastrophenspezialisten und Hilfsorganisationen leisten. Sie müssen aus den Hilfsgeldern finanziert werden. Autovermieter und Autohändler verdienen sich goldene Nasen an den eingeführten Allradfahrzeugen - das ist die andere Seite der Hilfsmedaille.
Das Elend nach dem Beben ist längst zu einem Riesengeschäft geworden - sowohl für internationale Organisationen als auch für die politische Elite Haitis. Ein Drittel der 1,2-Milliarden-Dollar-Hilfe aus den USA ging für den Einsatz der US-Armee drauf, der geringste Teil floss in den direkten Aufbau. Ohnehin fließt laut UNO rund ein Drittel der Hilfe an die Geberländer für deren Organisationen zurück.
Mit langer Verzögerung hat in Haiti eine neue Regierung die Geschäfte aufgenommen und die überforderte und korrupte Regierung René Prévals abgelöst. Anlass für Optimismus gibt es wenig. Präsident Michel Martellys Credo lautet: ausländische Investitionen in Billiglohn- und Touristenenklaven. Enge Berater Martellys (alias »Sweet Micky«) kommen aus dem Familienkreis des Exdiktators Jean-Claude Duvalier (1971-1986). Nun soll aus dem Staatshaushalt sogar der Wiederaufbau der Armee finanziert werden, die wegen ihrer unheilvollen Rolle bei der Unterdrückung der Bevölkerung aufgelöst worden war. Gelder, die beim Bau von Häusern für die Obdachlosen fehlen werden. Haitis Bilanz ist dürftig, 730 Tagen nach jenem 12. Januar, an dem 50 Sekunden lang die Erde bebte.
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