»Hier hilft der aufrechte Gang gar nichts«

ICH HAB'S EINFACH MAL PROBIERT: Skilanglauf lernen in sechs Stunden

  • Heidi Diehl
  • Lesedauer: 3 Min.
So gut sieht's aus, wenn man zigmal sechs Stunden trainiert hat.
So gut sieht's aus, wenn man zigmal sechs Stunden trainiert hat.

Um gar nicht erst ein falsches Bild zu vermitteln: Die durchtrainierte Läuferin auf dem Foto bin nicht ich. Ganz so entspannt-elegant sah es bei mir am Ende des sechsstündigen Kurses nicht aus. Auch wenn er unter dem Mut machenden Motto »Skilanglauf lernen in sechs Stunden« stand.

Am Anfang steht überhaupt kein Laufen, sondern Gymnastik im Schnee ganz ohne Bretter und Stöcke. Aufwärmen sei das A und O, sagt Skilehrer Hermann Lettner, und führt vor, was er darunter versteht. Hüpfen, Strecken, Dehnen - alles auf einem Bein, denn »das trainiert ganz nebenbei gleich noch das Gleichgewicht«. Eine halbe Stunde später weiß ich, was er damit meint. Da nämlich stehe ich auf den schmalen Brettern, die mich - so glaube ich zu diesem Zeitpunkt noch - spätestens in sechs Stunden locker über die bestens präparierten Loipen in Ramsau am Dachstein gleiten lassen.

»Die Stöcke brauchen wir nicht«, strahlt mich Hermann an, und macht es vor: Mit dem rechten Bein stößt er sich ab, verlagert das Gewicht aufs linke, das dabei locker vorwärtsgleitet, während das rechte über dem Boden schwebt und die Arme locker mitschwingen. Dann wechselt das Ganze. Wie einfach es aussieht, denke ich, und will es ihm nachmachen. Doch mein Gleichgewichtssinn, der ohnehin nicht besonders gut ausgeprägt ist, spielt da nicht mit. Und dann noch auf diesen dünnen glatten Ski! Ehe ich zwei mehr Rutsch- als Gleitschritte geschafft habe, liege ich bereits lang. »Hier hilft der aufrechte Gang gar nichts. Den solltest Du beim Langlauf einfach mal vergessen«, erklärt mir Hermann, während ich mühsam versuche, irgendwie wieder in die Senkrechte zu kommen.

Zweiter Versuch: Leicht nach vorn gebeugt, Arme locker schwingen lassen, abstoßen, gleiten, abstoßen, gleiten, ... Nicht elegant, aber es funktioniert von Schritt zu Schritt besser. Nun das Ganze mit Stöcken - viel besser! Gut allerdings sieht was anderes aus. Die durchtrainierten Körper beispielsweise, die da elegant durchs Ramsauer Langlaufstadion zu schweben scheinen. Kein Wunder, sind es doch Leistungssportler aus aller Welt, die alljährlich hierher kommen, um sich fit zu machen für internationale Wettkämpfe. Das verschiebe ich mal kurz ins nächste Leben. Für dieses reicht es, wenn ich es schaffe, die verschiedenen Lauftechniken wie Dialogschritt, Doppelstockschub oder die Königsklasse Skaten einigermaßen sicher zu beherrschen.

Langsam fühle ich mich, als sei ich in der Sauna, der Schweiß läuft trotz knackiger Außentemperaturen den Rücken herunter. »Gut so«, bemerkt Hermann kurz und bündig. Und hält mir einen kleinen Vortrag darüber, warum Langlauf zu den gesündesten Sportarten überhaupt gehört: 90 Prozent aller Muskeln würden beansprucht, das Herz-Kreislauf-System genauso trainiert wie Ausdauer. Man sei an der frischen Luft, könne leichtfüßig die Landschaft genießen, dabei Muskeln aufbauen und schnell Kalorien verbrennen. Kurzum: Langlauf sei gut für Körper und Seele!

Vorerst allerdings merke ich von all dem nichts, sieht man mal von den beanspruchten Muskeln ab. Ich spüre sie überall, selbst an Stellen, wo ich bislang meinte, gar keine zu haben. Nach sechs Stunden mehr oder weniger elegantem Gleiten bin ich völlig ausgepumpt und sehne mich nur noch nach meinem Bett. Doch dort finde ich weder Ruhe noch Entspannung. Von den Fußsohlen her aufsteigende Krämpfe sind nur mit einer doppelten Dopingration Magnesium zu beruhigen. Erst spät falle ich in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

Am nächsten Morgen weckt mich die Sonne: Was für ein schöner Tag zum Langlaufen! Sechs Stunden waren wirklich ein bisschen wenig - das reicht gerade mal, um Lust auf mehr zu bekommen. 220 Kilometer feinste Loipen rund um Ramsau locken.

Infos: www.ramsau.com

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