Es kommt auf den Blick an

Der NBI-Bildreporter Gerhard Kiesling wird 90 Jahre

  • Burga Kalinowski
  • Lesedauer: 4 Min.

Eigentlich war das zu erwarten. Ist Ulli »Goofy« Burchert dabei, mein Fotografen-Kollege, reden die beiden Kerle erst mal von ihren Fotosachen: von der Leica, mit der Gerhard Kiesling begonnen hat. Darüber, wie man in der DDR privat zu einer Hasselblad kam (durch Westverwandschaft). Dass es sich mit der Exakta aus Dresden sehr schön arbeiten ließ, dass die Schnelligkeit der Nikon toll war und das Fischauge nicht immer das non plus ultra. Aber auch gut. Sie erinnern sich an ORWO-Film für Schwarz-Weiß, an das redaktionelle Kodak-Kontingent für Farbfotografie. Hochwertiges Handwerkzeug für ihre Arbeit. Auch heute stehen die Kamerataschen griffbereit in der Ecke. Manchmal fotografiert Gerhard Kiesling noch.

Sie reden von Ansprüchen und von großen Namen. Von der berühmten Agentur Magnum und natürlich von Henri Cartier-Bresson und Robert Capa, von Arbeiterfotografie und von der ArbeiterIllustriertenZeitung, der AIZ, vom »Life«-Magazin und von der Ausstellung »The Family of Man«, die der Fotograf Edward Steichen 1955 zusammenstellte - aus über zwei Millionen Aufnahmen kamen schließlich 503 Bilder von 273 Fotografen aus 68 Ländern in die Ausstellung. Gerhard Kiesling hat sie in Westberlin gesehen. Was er sah, ging ihm unter die Haut. Es wird ein Teil seiner Foto-Kunst.

Sie reden also von der Sprache des Bildes, vom Layout, von großformatigen Bildstrecken, die es kaum noch gibt. Von Qualität und Knipsen, von Auftragsbildern, künstlerischer Freiheit, von Tabus und Gängelei, von der Aura der Wirklichkeit - kurz, vom Leben des Bildreporters. Sie reden von ihrer Arbeit damals in der Illustriertenwelt der DDR. Zeitgeschichte im Fokus des Bildreporters:

Über 40 Jahre war Gerhard Kiesling für die NBI, Neue Berliner Illustrierte, unterwegs. Freischaffend von Anfang an. Ein Chronist aus Leidenschaft. Ein Profi, der auch Lehrgeld zahlte - damals, als Anfänger einen Anfang machten. Die Zeiten wechselten, doch viele Leute blieben die alten. Eine Chance für die Jungen, wenn sie wollten und konnten. Da war es schon ein Glücksfall, dass die erste Illustrierte in der Sowjetischen Besatzungszone von der ehemaligen Chefredakteurin der AIZ begleitet wurde. Die erste westliche Illustrierte nach 1945, die »Quick«, wurde u.a. von Fotografen und vom Chefredakteur der NS-Auslandszeitschrift »Das Signal« gemacht. Von 1945 bis 1950 war Lilly Becher, Frau des Kulturministers Johannes R., inoffiziell Chefin der erst ab 1946 wöchentlich erscheinenden NBI.

Mit einer Auflage von 800 000 Exemplaren sollte das Blatt die Illustrierte der Hauptstadt und des Landes werden. Mit Schwerpunkten wie Politik, Kultur, Information und Unterhaltung, mit großen Berichten über Konzentrationslager und die Nürnberger Prozesse, über Flüchtlinge, Hunger, Not und Kriegsverbrechen, später über Bodenreform, Wiederaufbau und hehre Ziele - mit dem Einzug dieser neuen Wirklichkeiten setzte sich die NBI schnell und deutlich von westlichen Illustrierten ab. Auf Sensationen, Klatsch und Boulevard wurde verzichtet und wie oft im Osten dabei das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Hochkultur und Kunst rückten dafür in den Mittelpunkt. Ideologische Missionen. Und besonders der werktätige Mensch.

Gerhard Kiesling erinnert sich. Zu seinen ersten Arbeiten für die NBI gehörten ein Bildbericht über das Meininger Theater und 1950 eine Reportage über die ersten FDGB-Urlauber im Ostseebad Sellin. Das kriege ich hin, dachte sich Kiesling. Aber die hübschen Ostseefotos brachten ihm die Kritik von Lilly Becher ein. »Kiesling, wo sind die Werktätigen?«, wollte die Chefin wissen.

Das passiert ihm nicht noch einmal. Er wird sich nicht begnügen mit Bildern, die es schon gibt. Er wird geduldig sein und respektvoll, wenn er Menschen fotografiert. »Gucken, warten - bis der Schnappschuss kommt.« Blitzschnell. Oberstes Gesetz: Menschen werden nicht vorgeführt. Es wird nichts gestellt. Fotografie hält die Zeit fest. Macht Gesichter erkennbar und Alltagsgeschichte sichtbar. Manchmal sogar eine historische Dimension.

Was kann ein Bild? »Alles. Betrügen, lügen, fälschen, zerstören. Aber auch in die Tiefe gehen. Hinter die Fassade. Hoffnung geben. Freude. Es kommt immer auf den Blick an.«

Auf dem Tisch liegen Stapel von Bildern. Jahrzehnte sind das. Spuren in eine andere Zeit. Zeugnisse vom Leben in einem verschwundenen Land. Vielfalt, Einfalt, Propaganda, Fantasie. Warum eigentlich gibt es keine repräsentative Ausstellung der Arbeiten von DDR-Fotografen - gleichgültig, welcher ästhetischen oder politischen Gruppierung sie damals angehörten? Und gleichgültig auch, ob sie auf dem heutigen Markt der Eitelkeiten gefragt sind. Ob sie für die »Sibylle« arbeiteten, für das »Forum«, für die »Junge Welt«: Sie haben diese Zeit für alle Zeit festgehalten. Allein von Gerhard Kiesling existiert ein Foto-Schatz von etwa 120 000 Negativen und 20 000 Farbdias.

Eines seiner Lieblingsbilder: das Foto der Jugendbrigade 1957 in der LPG Fienstedt bei Halle. Das hätte er gern auf dieser Seite (Es steht auf ihr, ganz oben). Was ist aus ihnen geworden? Vielleicht erkennt sich einer der Jugendlichen von damals und meldet sich. Möglicherweise wird daraus eine Geschichte.

Es würde Gerhard Kiesling freuen.

Am Sonntag wird er 90 Jahre alt - Glückwunsch.

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