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Die Russen in Berlin

Man hört ja von den absurdesten Hobbys auf der Welt; da wundert man sich auch nicht mehr über Leute, die sich für Handschriften von Verbrechern der Weltgeschichte interessieren. Und das Interesse muss groß sein. Nicht lange her, da versteigerte ein Auktionshaus in den USA für 245 000 Dollar die Tagebücher von KZ-Arzt Josef Mengele. Jetzt sind dort Postkarten, Liebesbriefe, Gedichte, Dramen und anderes krudes Schrifttum des jungen Joseph Goebbels im Angebot. Es zeige sich darin das Bild eines „eher schlichten, schüchternen und liebestrunkenen Studenten“, teilt das Auktionshaus mit. Zuletzt lag das Spitzengebot bei 100 000 Dollar; man hofft am Ende auf mindestens das Doppelte.

Darüber berichtet die Nachrichtenagentur dpa, und weil bei so einem geschichtsbeladenen Thema ein paar Sätze zum historischen Hintergrund dazu gehören, teilt die Nachricht noch mit, dass „der berüchtigte Scharfmacher“, also Goebbels, „sich 1945 das Leben genommen“ hat, und zwar „als die Russen schon in Berlin standen“. Puuuh, da hat sich jemand tief in den Zeitgeist seines journalistischen Gegenstands hineingewühlt. Die Russen stehen in Berlin – so wie der Autor der dpa-Nachricht hätten es gegen Kriegsende auch Wehrmachtberichte formulieren können. Oder nein, die hätten damals gesagt: der Russe. Diese Feinheit fehlt noch bei dpa. Heutzutage könnte man ja auch sagen: die Rote Armee. Vielleicht sogar: die Sowjetsoldaten, aber das wäre womöglich zu viel verlangt. Statt dessen: die Russen. Man weiß ja: die Türken vor Wien, die Russen in Berlin – das ist Gefahr im Verzug. Vielleicht lädt dpa sich Guido Knopp ein und lässt sich die ganze Chose mal in Ruhe erklären. Der hat ja jetzt Zeit.

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