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  • Politik
  • Rechte und Linke wollten gemeinsam ein Jugendhaus aufbauen

Von Politik spricht heute keiner mehr

  • Lesedauer: 3 Min.

Ein Raunen ging im Mai 1991 durch die Wurzener Öffentlichkeit: Dreißig junge Leute verschiedener politischer Couleur besetzten gemeinsam ein Haus. So etwas hatte es in der sächsischen Kleinstadt noch nicht gegeben. In einer Erklärung wandten sie sich an die Bevölkerung. „Uns ist inzwischen bewußt geworden, daß eine permanente gewalttätige Links-Rechts-Auseinandersetzung keinen Sinn hat“, war da zu hören. Man wolle sich jetzt gemeinsam für eine Jugendfreizeitstätte stark machen, zu diesem Zweck sei das seit über einem Jahr leerstehende Gebäude besetzt worden. Offensichtlich wollten die Jugendlichen Fakten schaffen und nicht mehr auf eine Initiative der Verwaltung warten.

Nach einigem Hin und Her einigten sich Besetzer und Stadtverwaltung auf einen Kompromiß: Das widerrechtlich genutzte Haus wird geräumt, im Gegenzug erhalten sie die Wirtschaftsgebäude eines ehemaligen Schwimmbades zum Aufbau eines Jugendhauses. Mit behördlicher Unterstützung kamen die Initiatoren an erhebliche Fördermittel; fünf ABM-Stellen für Jugendliche wurden eingerichtet, das Kultusministerium gab eine Finanzspritze von 30 000 DM. Den Umbau nahmen Rechte und Linke gemeinsam in Angriff, das Projekt nahm Gestalt an. Und, was kaum jemand für möglich gehalten hatte, die Gewalt zwischen den politischen Gruppen und gegen Ausländer nahm rapide ab.

Ein Kraftraum wurde eingerichtet, ebenso eine Zweiradwerkstatt, eine Sozialarbeiterin des Landratsamtes kümmerte sich an zwei Vormittagen in der Woche um die Jugendlichen und ein Proberaum für zwei Punkbands entstand. Doch schon bald kam es

zu Streitigkeiten. „Die Punks machten Dreck wie die Schweine“, erinnert sich Tilo Finger, der das Jugendhaus mitaufgebaut hat. „Saubergemacht haben die nie.“ Als sich dann auch noch die Drohungen der „Glatzen“ gegen die linken Bands häuften, wurden diese kurzerhand 'rauskomplimentiert.

„Da wir aufgrund der eskalierten Situation zwischen einzelnen Banden für die Sicherheit unserer Gäste nicht garantieren können, macht sich diese Entscheidung notwendig“, heißt es in einem Schreiben des Jugendhaus-Vorstandes an die Musiker vom 12. Oktober 1992. Das sei bloß ein Vorwand gewesen, um die unbequemen Linken aus dem Haus zu schmeißen, behaupten diese. Sie suchten nach einem neuen Heim und fanden es in einer alten Villa. Dort wurden Proberäume eingerichtet. Neben der ur-

sprünglich bestehenden Band gründeten sich bereits zwei weitere Musikgruppen.

Die Rechten treffen sich seit einiger Zeit in einer Kneipe am Busbahnhof. Einige Monate nach der Einrichtung des Jugendhauses brachen die Konflikte aus. Die Punkbands wollten „eindeutig linke“ Musik machen, davon hielten die Rechten nichts und zogen aus. Vom einstigen Gedanken des Projektes, politische Gegensätze zu entschärfen, war nur noch ein Scherbenhaufen übriggeblieben. Die Gewalt zwischen den Jugendlichen nahm wieder zu.

„Es findet im Moment eine Profiländerung im Jugendhaus statt, weg vom politischen Anspruch, hin zur Freizeitgestaltung“, beruhigt die Stadtverwaltung und sieht das Jugendhaus nicht als gescheitert an. „Es war nie unsere Aufgabe, uns um die Rech-

ten zu kümmern“, bekräftigt auch Tilo Finger. Würde man sich auf diese Leute konzentrieren, bliebe die unpolitische Stammkundschaft weg, erklärt der Student. Das sind zwar nur fünfzehn Leute, gesteht er wenig später. „Aber ungefähr vierzig andere kommen unregelmäßig!“ Für die geringe Resonanz hat die Chefin des Wurzener Jugendamtes, Barbara Schneider, eine einfache Erklärung: „Daß momentan nicht so viele Leute das Haus besuchen, liegt vielleicht an der Jahreszeit“, spekuliert sie.

Ob es im nächsten Jahr das Jugendhaus überhaupt noch gibt, ist auch unklar. Gerüchten zufolge bemüht sich ein westdeutscher Investor um die Immobilie. Aus dem ehemaligen Schwimmbad will er ein Freizeitzentrum machen.

TIM DEISINGER UND TORALFSTAUD

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