Das Kinderhaus über den Dächern Tiranas

Ein Drittel aller Albaner ist jünger als 15 Jahre / Viele schlagen sich als Straßenkinder durch / Auch für sie steht die Frage: Noch am Anfang und schon am Ende? Von Ursula Rütten

  • Lesedauer: 7 Min.
Das rosa getünchte Haus mit seinen bunten Fenstern und Türen liegt in einem ruhigen Viertel oberhalb des Sportstadions von Tirana. Hier oben ist die Luft weit besser als unten im Zentrum der quirligen, stickig-heißen albanischen Metropole. Die Villa Nr. 5 in der Ali-Visha-Straße liegt hinter einer hohen Mauer. Ein Pförtner in seiner Loge wacht darüber, wer die Tür zum Innenhof passiert. »Das ist nur zur Sicherheit unserer Schützlinge und zum Schutz vor Diebstahl«, erklärt Ermal Serjani - und fängt einen Ball auf, den ihm einer der Halbwüchsigen im Hof zugeworfen hat. Auf Ermals Plan für den Vormittag steht ein Schwimmbadbesuch mit den 12- bis 14-Jährigen. Der Jurastudent verbringt die Semesterferien als Sportlehrer und Freizeitanimateur in dieser einzigen privaten Sozialstation für Kinder in Tirana. Einige kleinere Jungen spielen Tischtennis, die Mädchen schauen zu. Die Türen zum Raum mit dem Kickerspiel und der Werkstatt stehen offen. Danijel und Ardit basteln an einem Fahrrad. Wenn es Probleme gibt, hilft der Hausmeister. Im oberen Stockwerk des Hauses gibt es einen gemütlichen Gemeinschaftsraum, ein Computerzimmer, einen Unterrichtsraum mit Rechenformeln an den Wänden. Nebenan lernen kleine Mädchen sticken. Die Firma »Triumph«, die eine Niederlassung in der Nähe Tiranas betreibt, hat Material für die Näh- und Handarbeitskurse gespendet. Die Vorschulkinder treffen wir bei einer Lesestunde. Ljubljana singt uns aus eigenem Antrieb ein Lied. Die ehemalige Hymne auf die Partei hat längst einen neuen, politisch korrekten Text. Jetzt ist sie ein Loblied auf das albanische Vaterland. Ljubljana hat noch eine ältere Schwester - Lisbona - und einen kleinen Bruder Lyon. Offenbar haben die Eltern ihre Wünsche nach einem Leben weit außerhalb ihrer Wirklichkeit in die Namen der Kinder gelegt. Immerhin: Die Geschwister können abends nach Hause zu den Eltern gehen, ihre Not erwächst »nur« aus Arbeitslosigkeit, Armut und Mangel an Bildung. Silva, eine aufgeweckte, selbstbewusste 13-Jährige, ist dagegen Halbwaise. Sie lebt mit der kranken Mutter bei ihrem Onkel. In den Schulferien kommt sie schon morgens um acht, wenn das Kinderhaus öffnet, und bleibt bis zum Abend. Sonst verbringt sie die Zeit nach Schulschluss hier oben, schon seit drei Jahren. »Wir singen, wir lernen, wir haben viel Spaß zusammen«, erzählt sie. »Letztes Jahr sind wir nach Jena eingeladen worden. Das ist eine sehr schöne Stadt. Die Leute haben uns sehr gut aufgenommen.« Keine Frage, dass sich Silva lebhaft für Deutschland und für die deutsche Sprache interessiert. Von ihrer Zukunft hat sie schon klare Vorstellungen: »Ich will mit Jura anfangen, weil es mir schon immer gefallen hat, über Menschen zu urteilen. Später will ich dann Diplomatin werden.« Für Ervis ist das Haus in der Ali-Visha-Straße Heim und Familienersatz zugleich. Ervis ist ein schüchterner Schlaks von 16 Jahren. »Ich war fünf Jahre, als meine Mutter abgehauen ist, nachdem man meine Zwillingsschwester umgebracht hatte. Ich blieb beim Vater. Aber der kam ins Gefängnis, als ich 14 war. Der Onkel war schuld. Es gab Streit, und mein Vater wurde wegen versuchten Mordes verurteilt.« Von Pogradec am Ohrid-See, wo er wohnte, sei er nach Tirana gefahren und habe sich erst mal »draußen durchgeschlagen«. Dann hätten ihn zwei Ordensschwestern aufgelesen und in ein Waisenhaus gebracht. »Aber die konnten mich nicht behalten, weil ich keine Papiere hatte. Da hat man mich hierher gebracht«, erzählt Ervis. Seine Geschichte gleicht der vieler anderer, die in diesem Haus Zuflucht gefunden haben. Es sind Geschichten von Armut, Arbeitslosigkeit und Krankheit, von körperlicher und seelischer Gewalt. Im Zerfall von Familien spiegelt sich die albanische Gesellschaft, die alte Werte über Bord geworfen hat, ohne sie durch neue zu ersetzen. 33 Prozent der Bevölkerung Albaniens sind jünger als 15 Jahre, fast die Hälfte ist unter 25 Jahre alt. Rund 1000 Minderjährige arbeiten nach Schätzungen des Hauses allein auf den Straßen von Tirana - als Zigarettenverkäufer, Autoscheibenwäscher, Taschendiebe, Drogendealer oder Sexsklaven. Etwa 5000 halten sich nach Angaben der Regierung ohne Eltern und Verwandte im Ausland auf, vor allem in Italien und Griechenland. Seit Thomas Rossner das Haus in der Ali-Visha-Straße leitet, bekommen immerhin 70 bis 100 Kinder täglich eine warme Mahlzeit, Schulunterricht, Anleitung zur Freizeitbeschäftigung, aber auch psychologische und medizinische Betreuung. »Im August 2000 trat die Deutsche Welthungerhilfe an mich mit der Bitte heran, hier etwas für Kinder und Jugendliche zu tun - nach dem Kosovo-Krieg und dem Flüchtlingschaos, das sich hier abgespielt hatte«, erzählt der rührige ehemalige Mitarbeiter des Malteserhilfsdienstes aus Jena, den der Kosovo-Krieg vor fünf Jahren in diese Region verschlug. Zuerst musste ein bezahlbares Objekt gefunden werden. Kaufpreise und Mieten für Häuser sind in Tirana unverhältnismäßig hoch. Nicht zuletzt blättern ausländische Organisationen, Unternehmen und diplomatische Vertretungen aus Euro- und Dollar-Staaten gutes Geld dafür hin, dass ihre Mitarbeiter annehmbar wohnen können. Damit treiben sie die Preise in die Höhe. Das Haus in der Ali-Visha-Straße ist gemietet und durfte kindergerecht umgebaut werden. Äußerlich verrät es nichts von dem Mehrfrontenkrieg, den Thomas Rossner und sein Team um Erhalt und Unterhalt führen müssen. »Wir haben viele Probleme mit Strom, Wasser, Telefon. Wir werden hier als gewerbliches Unternehmen eingestuft, als Geschäft. Seit vier Jahren kämpfen wir um die Anerkennung des Hauses als Sozialeinrichtung. Aber das Parlament ist dazu nicht bereit. Wir müssten uns als religiöse Einrichtung anmelden, heißt es. So wolle es das Gesetz. Wir müssten also einer Kirche beitreten, aber das wollen wir nicht, denn wir sind ein weltliches Haus. Wir haben hier sehr viele muslimische Kinder, wir haben orthodoxe und katholische Kinder, und so soll es auch bleiben. Wir werden uns nicht einer Kirche anschließen, nur um die Finanzierung zu sichern«, erläutert Rossner. Doch er fürchtet, Ende dieses Jahres seine Arbeit einstellen zu müssen. Bisherige Träger wie die deutsche und die schweizerische Botschaft in Tirana und die Deutsche Welthungerhilfe wollen die Finanzierung einstellen. Die Forderung lautet: Albanien muss für seine Kinder selber sorgen. Wer den Weg in die EU beschreiten will, muss auch soziale Verantwortung übernehmen. Aber Rossner weiß: Solche Erwartungen sind überzogen. So weit ist Albanien noch nicht. Es fehle an Geld und an Bewusstsein, sagt er. Die Verantwortlichen wüssten zwar, dass verschiedene Sozialprojekte finanziert werden müssten, wenn man den »europäischen« Weg gehen will. Doch wollten sie davon nichts hören, »und deshalb gibt es das Phänomen der Straßenkinder offiziell nicht«. Wohl gebe es staatliche Kinderheime, aber die werden nach Rossners Meinung dem Notstand nicht gerecht. Er nennt ein Beispiel: »Danijel wurde mit 14 Jahren gleichsam im Müll gefunden. Er war in Griechenland verkauft worden, die griechische Polizei hatte ihn zurückgeschickt, dann fanden ihn Studenten der Universität und brachten ihn vor zwei Jahren zu uns. Kein staatliches Kinderheim nimmt Kinder im Alter von 14 Jahren auf. Wir aber versorgen sie, bauen sie wieder auf. Danijel geht jetzt in die Schule und macht seinen Abschluss. Ob jemand 17 oder 18 ist, spielt bei uns keine Rolle. Was nützt es, wenn Kinder mit 14 Jahren wieder auf die Straße geschickt, irgendwann von der Polizei weggefangen und dann in Jugendgefängnisse gesteckt werden? Dann sind sie wirklich mit beiden Beinen im Kriminellenmilieu.« Aber nicht nur das Ziel, sozial benachteiligte Kinder bis an die Schwelle zum Erwachsenwerden zu begleiten, unterscheidet das Kinderhaus von den staatlichen Heimen, sondern auch das sozialpädagogische Konzept, hebt Rossner hervor: »Es geht um die Freiheit dieser Kinder. Sie ordnen sich einer Hausordnung unter, aber sie werden demokratisch erzogen. Wir machen Seminare mit ihnen. Es gibt Unterricht besonders für diejenigen in der Pubertät. Sexuelle Aufklärung, die sonst hier im Lande überhaupt nicht stattfindet, ist besonders wichtig. Nicht zu vergessen die gesellschaftspolitische Aufklärung: Was ist Demokratie? Das wissen diese Kinder nicht. Die wissen nur: Ich muss zusehen, dass ich für morgen wieder Brot nach Hause bringe, oder ein paar Hundert Lek, damit die Familie überleben kann, wenn der Vater nicht mehr da ist oder im Gefängnis sitzt und niemand sonst etwas verdient.« Zum Glück arbeite die Polizei gut mit dem Kinderhaus zusammen, und auch der Bürgermeister des Stadtbezirks wisse um dessen Wert. Bis zum Jahresende bleibt Thomas Rossner und seiner Kollegin Mirian Kesseler in der Verwaltung noch Zeit, bei verschiedenen internationalen Organisationen Klinken zu putzen, um zumindest Teilbeiträge zur Finanzierung des Hauses zu sichern. Der Verein »Gebt den Kindern eine Chance e.V.«. hat ein Spendenkonto eingerichtet: Kontonummer 6801005 bei der Volksbank Raiffeisenbank Bad Orb-Gelnhausen, BLZ 50762949, Stichwort: Kinderhaus Tirana

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