Nachruf auf den letzten Bäcker
Zahl der Geschichtsvereine in Bayern wächst
Ohne sie gäbe es viele weiße Flecken in der bayerischen Geschichtsschreibung. Über 200 Vereine und Organisationen beschäftigen sich in Bayern ehrenamtlich mit der Historie ihrer Stadt oder ihrer Region, mal als »Geschichtswerkstatt« und mal als »Historischer Verein«. Sie greifen Themen der Alltagsgeschichte auf, und sie arbeiten zunehmend professionell. »Bei den Vereinen hat sich in den vergangenen Jahren sehr viel getan, auch in der Zusammenarbeit mit den Historikern an den Universitäten«, so etwa das Urteil von Wolfgang Schuster vom Verband Bayerischer Geschichtsvereine.
Auf den Schreck ein Bier
Beispiele sind dafür liefern etwa die »Neuhauser Werkstatt-Nachrichten«, die sich als »Historische Zeitschrift für Neuhausen, Nymphenburg und Gern« verstehen. Im aktuellen Heft 27 etwa widmet man sich auf mehr als 85 Seiten der Geschichte des Heideck-Viertels im 9. Münchner Stadtbezirk. Ein Thema ist der »Tante-Emma-Laden« von Maria und Max Schmehl in der Heideckstraße 9, in dem sich alles für den täglichen Bedarf findet, vom Waschpulver bis zur Hartwurst.
Erzählt wird auch von dem Gärtnermeister Wolfgang Rank, der Mitte der 1920er Jahre als »Christus von Neuhausen« mit Talar und langem Bart bekannt wurde. Oder vom jenem Sonntag im Februar 1933, als sich ein einmotoriges Flugzeug in einem der Bäume entlang der Dachauer Straße verfing. Flugzeugführer Anton Reisch, Mitglied des Münchner Leichtflugzeugclubs, blieb unverletzt und verlangte, als er wieder festen Boden unter den Füßen hatte, als erstes nach einer Maß Bier. Im Editorial schreibt die Redaktion: »So stellen wir uns die historische Arbeit im Stadtteil vor: Unsere Bestände, unser Wissen und unsere Erfahrung zur Stadtteilgeschichte mit den Erzählungen und Bildern der Bewohner zusammenzufassen.«
Bilder vom sozialen Wandel
Dass es die historische Zeitschrift gibt, dafür ist Franz Schröther zuständig. Der 65-Jährige ehemalige Postbeamte ist Vorsitzender des Vereins »Geschichtswerkstatt Neuhausen«, ein reger Zusammenschluss von Freunden des Stadtviertels, die sich intensiv mit lokaler Geschichte beschäftigen.
Der Verein hat 320 Mitglieder, darunter »ein harter Kern von 15 Leuten«, sagt Vereinschef Schröther. Sie machen mit regelmäßigen Publikationen auf sich aufmerksam, zuletzt mit der Herausgabe des Buches »Von der Aiblingerstraße bis Zum Künstlerhof«, in dem sämtliche Straßennamen im Münchner Stadtteil Neuhausen-Nymphenburg erläutert werden.
Ob Rosenheim oder Rupertiwinkel, ob Coburg oder Erlangen, ob es um die »Freunde Mainfränkischer Kunst« oder um Oberbayern, Schwaben oder Niederbayern geht - vielerorts finden sich in Bayern historische Vereine in der einen oder anderen Gestalt.
Zum Beispiel in Augsburg. Vor gut sechs Jahren packte die dortige Geschichtswerkstatt unter der Leitung von Gerhard Fürmetz, Archivoberrat im Bayerischen Staatsarchiv in München, ein langfristiges und ehrenamtlich organisiertes Projekt an. Unter dem Namen »Häusergeschichten - Augsburger Häuser und ihre Bewohner« sollten die ökonomischen, politischen und soziokulturellen Bedingungsfaktoren des Bauens und Wohnens in Augsburg im Mikrokosmos einzelner Familien oder Hausgemeinschaften eingefangen werden.
Daraus entstand dann etwa die Geschichte des Hauses »Löwenstraße 10« - ein um 1870 errichtetes zweistöckiges Gebäude im »Fabrikdorf« Pfersee. Wohnten vor dem Ersten Weltkrieg dort vor allem Arbeiter, änderte sich ab den 1920 Jahren das Bild: Die Zimmer wurden nun von den Bäckerlehrlingen und Dienstmädchen der im Haus ansässigen Bäckerei belegt. 1993 schloss mit der Bäckerei das letzte alte Ladengeschäft der Gegend, die heute eine reine Wohnsiedlung ist.
Viele »Hausforscher«
Ein ganz anderes Milieu steckt hingegen hinter der Hausgeschichte »Stettenstraße 20«. Hier errichtete im Jahr 1878 der damalige Stadtbaurat Ludwig Leybold die zweistöckige Villa »Suburbana« im Renaissancestil für den Privatier Jacob Hotz. Der verkaufte sie 1883 an Leybold, 1918 ging die Villa an dessen Tochter Frederike. Aus gesundheitlichen Gründen in wirtschaftlichen Nöten, vermietete sie alle Zimmer des Hauses, bis sie selbst nur noch einen Raum bewohnte. 1975 wurde die Villa durch ihre Nichte an die Friseur-Innung verkauft.
Die Häusergeschichten waren zunächst als vereinsinternes Projekt geplant, fanden dann aber schnell das Interesse der Augsburger Öffentlichkeit. Zahlreiche »Hausforscher« stießen dazu, teils mit persönlichen Bezügen zu »ihrem« Haus, teils aus lokalhistorischem Anreiz. Und auch Studenten der Universität Augsburg erforschten im Rahmen eines Hauptseminars weitere Augsburger Häuser. Deren Geschichten sind heute im Internet nachzulesen.
Die Tätigkeit der Vereine sieht Wolfgang Schuster vom Verband Bayerischer Geschichtsvereine als Indiz dafür, dass »das Interesse an Geschichte wächst«. Das gilt auch für die Geschichte der Geschichtsvereine selbst. So hat der Verbandsvorsitzende Prof. Manfred Treml schon mal angeregt, die Historie der Vereine zum Forschungsgegenstand zu machen.
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