Vorsicht, Unfälle und Schurken

Neustart der Forschung an umstrittenen Grippeerregern aus dem Labor

  • Steffen Schmidt
  • Lesedauer: 3 Min.

Vielen dürfte noch der Rummel um die Schweinegrippe-Pandemie von 2009 und die Vogelgrippe erinnerlich sein. Während das H1N1-Virus der Schweine sich ziemlich schnell über die ganze Welt verbreitete, blieben die Infektionen doch überwiegend harmlos. Bei der Vogelgrippe vor zehn Jahren war es umgekehrt. Deren Erreger vom Typ H5N1 führte bei Menschen zu einem schweren Krankheitsverlauf, wurde aber kaum von Mensch zu Mensch übertragen.

Grippeexperten befürchten aufgrund der Erfahrungen mit früheren Pandemien, dass beide Grippeerregerstämme womöglich bei paralleler Infektion in Säugetieren ihr Erbgut neu kombinieren, sodass ein hochinfektiöses und zugleich gefährlicheres Virus entstehen könnte. Zwei Forschergruppen in den USA und den Niederlanden experimentierten deshalb mit H5N1-Viren in Frettchen, um solche Veränderungen zu modellieren. Ergebnis: Sie fanden eine Variante, die leicht zwischen Frettchen per Tröpfcheninfektion übertragen wird. Die meisten der Tiere überlebten die Infektion allerdings. Frettchen werden in der Grippeforschung als Modellorganismus für den Menschen genutzt.

Als beide Teams ihre Ergebnisse veröffentlichen wollten, löste das eine heftige Diskussion unter Fachleuten aus. Einige befürchteten, damit liefere man Terroristen eine fertige Gebrauchsanleitung. Deshalb legten die Forscher Anfang 2012 ihre Arbeit an dieser Vogelgrippe-Variante auf Eis. Die Artikel erschienen erst nach langer Debatte (und wohl mit einigen Auslassungen) im Sommer 2012 in den Fachjournalen »Nature« und »Science«. Zweck des Forschungsmoratoriums sollte u.a. die Debatte über angemessene Sicherheitsmaßnahmen für Labors sein. In einem Brief, der diese Woche parallel von »Science« und »Nature« veröffentlicht wurde, erklären die Forscher den Zweck des Moratoriums für erreicht. Bei zahlreichen Konferenzen sei das Thema besprochen worden und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) habe bereits Sicherheitsrichtlinien für die weitere Forschung erstellt, heißt es in dem Brief.

Bei einer telefonischen Pressekonferenz sagte der in Rotterdam und New York forschende Virologe Ron A. M. Fouchier: Der große Vorteil, künftige Pandemiestämme bereits im Frühstadium identifizieren zu können würde die vermuteten Risiken bei weitem überwiegen. Dabei diskutierten Fouchier und seine Kollegen allerdings in der Hauptsache die Gefahr eines zufälligen Entweichens neuartiger Viren aus Labors, nicht das ebenfalls gegebene Risiko einer Freisetzung durch einen beteiligten Forscher oder Terroristen. Dieses Risiko, so meint der US-Kommunikationsforscher Peter Sandman in der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung«, werde von Wissenschaftlern generell unterschätzt.

Für die Argumentation von Fouchier und seinen 40 Kollegen spricht allerdings, dass sämtliche bisherigen Pandemiestämme sich in freier Wildbahn entwickelten. Die Gefahr, dass es spontan zu jenen maximal neun Mutationen kommt, die das Vogelgrippevirus so ansteckend machen, sei größer als ein Entweichen aus dem Labor, meint Fouchier.

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