Der Heiratsmarkt der flüchtenden Frauen

Syrerinnen in Flüchtlingslagern sind bisweilen Handelsgut / Organisationen in Ägypten und Syrien kämpfen für ihre Rechte

  • Karin Leukefeld
  • Lesedauer: 3 Min.
Der Krieg in Syrien vertreibt vor allem Frauen und Kinder aus ihrer Heimat. Zivilgesellschaftliche Gruppen setzen sich gegen ihre Ausbeutung ein.

Die Nachricht ist dramatisch: Eine Million Syrer haben ihre Heimat verlassen, teilte am Mittwoch der Hohe UNO-Kommissar für Flüchtinge, António Guterres, mit. Millionen seien außerdem in Syrien auf der Flucht und Tausende würden täglich die Grenze zu Jordanien überqueren.

Auf dem der Presseerklärung des Flüchtlingskommissars beigefügten Foto sind es ausschließlich Frauen und Kinder, die an der Grenze mit sorgenvollen Blicken einer zweifelhaften Zukunft entgegensehen. Bis zu 80 Prozent der syrischen Flüchtlinge sind Frauen und Kinder, die Mehrheit der Kinder ist nicht einmal sieben Jahre alt. Diese Menschen haben ihre Männer und Väter, Söhne und Brüder, Onkel oder Cousins zurückgelassen. Als Tote, als Gefangene oder als Kämpfer in den Reihen einer der unzähligen bewaffneten Gruppen.

Das Flüchtlingslager Zaatari in Jordanien hat mittlerweile rund 60 000 Menschen aufgenommen. Sein Ausbau geht weiter. In dem Lager hat sich ein lukratives Geschäft für Heiratsvermittler entwickelt, die junge Frauen an interessierte Kunden in den Golfstaaten oder sogar bis nach Australien verkaufen, berichtete kürzlich das UN-Informationsnetzwerk IRIN. Eigentlich sollten die Flüchtlinge in dem Lager unter dem besonderen Schutz der UNO stehen, doch islamische Hilfsorganisationen aus den Golfstaaten geben in Zaatari den Ton an.

Auch in Kairo boomt das Heiratsgeschäft mit den syrischen Frauen. Ein Netzwerk von Frauenrechtlerinnen hat sich zusammengeschlossen, um syrische Flüchtlingsfrauen vor solcher entwürdigenden Vermarktung zu bewahren. Sie suchen nach Wohnungen und seriösen Arbeitsstellen, damit die oft alleinstehenden Frauen nicht Zuhältern in die Hände fallen, die sie für fünf Euro einem Kunden andienen. Eine vermittelte Heirat scheint den Frauen oft ein goldener Ausweg zu sein. Mittellose Familien geben ihre Töchter rasch an einen Interessenten fort, in der Hoffnung, dass der Mann sie versorgen kann. Radikale islamische Prediger ermuntern die ägyptischen Männer geradezu zu einem solchen Geschäft. Eine syrische Flüchtlingsfrau zu heiraten sei wie »Dschihad«, wie den Krieg für Gott zu führen, gegen das »gottlose Regime« in Syrien. Der Nationale Frauenrat in Ägypten kritisierte solche Aufrufe scharf: Diese Ehen seien »Verbrechen gegen die Frauen unter dem Deckmantel der Religion«. »Die Männer sagen, sie würden den Frauen helfen, wenn sie sie heiraten«, sagt die Frauenrechtlerin Lina Al Tiby. »Aber warum können diese Männer den Frauen nicht einfach so helfen, ohne sie zu heiraten?!«

Die überaus größere Zahl von Frauen, die versuchen, dem Krieg in ihrer Heimat zu entkommen, fliehen nicht über eine Grenze, sondern nur von einem Ort in den nächsten und zwar meist zu Verwandten. Allein Damaskus hat bis zu einer Million Menschen aufgenommen, die vor den Kämpfen aus dem Umland und aus den Trabantenstädten geflohen sind. Sie spazieren tagsüber auf den Straßen, sitzen in den Parks und besuchen die Märkte, wo sie tun, als sähen sie sich die Schaufenster an. Tatsächlich verbringen sie so ihre Zeit, weil die Wohnverhältnisse oft unerträglich beengt sind.

Doch immer mehr Frauen geben sich nicht mit einer »Opferrolle« zufrieden. Sie schließen sich zusammen, um den Vertriebenen zu helfen und um sich »für die Gesellschaft nützlich« zu machen, wie eine Aktivistin sagt. Das »Forum für Frauen und Demokratie« organisiert Workshops über Bürgerrechte und zivilgesellschaftliches Engagement. Diskutiert wird über »Frauen in bewaffneten Konflikten« und über ihre national und international verbrieften Rechte, erzählt die Aktivistin Nasreen Hassan. Die 31-jährige Arabischlehrerin ist Mitbegründerin der Schwesterorganisation »Frauen für Frieden in Syrien«, einem Netzwerk, dem Frauen aller Altersgruppen und gesellschaftlicher Herkunft angehören und das inzwischen im ganzen Land daran arbeitet, eine starke und gewaltfreie Bürgerrechtsbewegung zu schaffen. Vorbild ist dabei der US-Bürgerrechtler Martin Luther King. Auch Männer, die sich ihren Zielen anschließen, sind bei der Friedensarbeit willkommen.

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