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Indien und Big Business
Arzneimittel sind oft teuer, für Normalbürger in den Entwicklungsländern oft unerschwinglich. Eine Monatsration des Krebsmittels »Glivec« der Schweizer Firma Novartis kostet in Indien z. B. ca. 1700 Euro.
Glivec wirkt gezielt gegen den seltenen Blutkrebs Chronisch-myeloische Leukämie (CML). Es ist das erste molekular maßgeschneiderte Krebsmedikament und damit ein Lichtblick in der Krebsbekämpfung.
Wegen Veränderungen im indischen Patentrecht verlor Glivec sein Schutzrecht in dem südasiatischen Land, ein einheimisches »Nachahmer-Präparat«, ein sogenanntes Generikum, kam auf den Markt. Das Problem (für Novartis): Es kostet nur ca. 140 Euro. Eine Klage des Schweizer Konzerns scheiterte jedoch vor dem Obersten Gerichtshof in Delhi. Die Richter lehnten einen verlängerten Patentschutz ab. Es gäbe keine wirkliche Neuerung im Vergleich zum Vorgängerpräparat. Ein legaler Trick im Patentrecht ist nämlich, Nachfolgepatente anzumelden, die die Grundpatente variieren und sie damit um 20 Jahre verlängern.
Internationale Hilfsorganisationen begrüßen das Gerichtsurteil als einen Durchbruch, während die Pharmakonzerne natürlich verärgert sind. Haben sie doch jahrzehntelang Milliarden in Forschung und Entwicklung gepumpt; Kosten, die über einen geschützten Markt wieder hereingeholt werden sollen. Hunderte Millionen von Menschen in Entwicklungsländern schließt das allerdings von medizinischer Versorgung mit neuen Mitteln aus.
Fairerweise sei erwähnt, dass die meisten der mehr als 16 000 indischen CML-Patienten das Novartis-Mittel kostenlos erhalten. Die Glivec-Generika dagegen werden an über 300 000 Kranke verkauft. Sind jetzt die indischen Generika-Hersteller die neuen Profiteure?
Nur ein Bruchteil der immerhin 1,2 Milliarden Inder wird derzeit medizinisch auf dem westeuropäischen Niveau betreut. Doch in dem Schwellenland wächst mit der Wirtschaft auch der Mittelstand und damit die zahlungskräftige Kundschaft für moderne Medizin.
Wie sähe eine Lösung aus? In enger Kooperation mit den Generika-Herstellern der Schwellenländer könnte man z. B. die Preise so gestalten, dass die niedrigeren Gewinnmargen durch den deutlich höheren Absatz ausgeglichen werden.
Bill Gates beklagt, der schöne Kapitalismus habe einen hässlichen Makel: Zwei Milliarden US-Dollar, um die Glatzköpfigkeit der (reichen männlichen) Welt zu beseitigen, aber nur 547 Millionen gegen Malaria! Wo bleibt da der Aufschrei? Nur 10 Prozent der Forschungsmittel werden global für die Bekämpfung von Krankheiten ausgegeben, die 90 Prozent der Weltbevölkerung betreffen. Aber was erwartet der spendenfreudige Milliardär, wenn zunehmend die Superreichen den Kurs der Welt steuern?
Albert Schweitzer, dessen Urwaldhospital in Lambarene dieses Jahr sein 100-jähriges Gründungsjubiläum feiert, sagte treffend:
»Kraft macht keinen Lärm.
Sie ist da und wirkt.
Wahre Ethik fängt an,
wo der Gebrauch der
Worte aufhört.«
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