Noch einmal 50 Jahre?
Dass das deutsche Schulsystem sozial ungerecht ist, pfeifen die Spatzen von den Dächern. Spätestens seit der ersten PISA-Studie zu Beginn des Jahrtausends wird der hiesigen Bildungspolitik regelmäßig attestiert, Kindern aus bildungsfernen und sozial benachteiligten Familien schlechte Chancen einzuräumen. Nun hat der »Chancenspiegel« der Bertelsmann-Stiftung erneut festgestellt, dass die soziale Herkunft der Eltern maßgeblich den Schulerfolg der Kinder bestimmt. Um bis zu einem Schuljahr sind am Ende der Grundschulzeit Akademikerkinder im Lesevermögen Gleichaltrigen aus bildungsfernen Familien voraus.
Wenn man die Ursache ergründen will, muss man erneut mehr als zehn Jahre zurückgehen. Damals entschied sich die rot-grüne Bundesregierung, einen Teil der Erlöse aus der Versteigerung der UMTS-Lizenzen in den Auf- und Ausbau von Ganztagsschulen zu stecken. Bildungsforscher hatten darauf hingewiesen, dass der Einfluss von Herkunft und sozialem Status durch ganztägige Bildungsangebot verringert werden kann.
Es ist eine einfache Rechnung: Akademikereltern haben das Know-how, um ihrem Nachwuchs bei den Hausaufgaben zu helfen, bei Eltern mit Hauptschulabschluss sind diese Möglichkeiten in der Regel nur eingeschränkt vorhanden. In Ganztagsschulen kann dieser Nachteil ausgeglichen werden.
Das ehrgeizige Projekt wurde von Anfang an vor allem von konservativ regierten Bundesländern gebremst. Lediglich 13 Prozent aller Schüler besuchen heute gebundene, also für alle Kinder verpflichtende Ganztagsschulen. Die Bertelsmann-Stiftung hat nachrechnen lassen: Wenn das Ausbautempo gleich bleibt, wird es noch 50 Jahre dauern, bis alle Kinder in Deutschland an Ganztagsschulen lernen.
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