»Sozialismusfremd?«

Vor 40 Jahren wurde fast ein ganzer DEFA-Filmjahrgang verboten

  • Paul Werner Wagner
  • Lesedauer: 3 Min.
Es war ein einmaliger Akt, dass man am Vorabend eines Plenums des Zentralkomitees der SED Filme vorführte. Die Teilnehmer sahen zwei noch nicht in die Kinos gekommene DEFA-Produktionen: »Das Kaninchen bin ich« und »Denk bloß nicht, ich heule«. Allerdings weniger zur Unterhaltung als zur Einstimmung auf ein Strafgericht über gesellschaftskritische DDR-Kunst. Das 11. Plenum des ZK der SED, vom 15. bis 19. Dezember 1965, wollte sich eigentlich dem Schwerpunktthema Wirtschaft widmen. Es kam jedoch anders. Durch den Machtwechsel in der UdSSR von Chrustschow auf Breshnew im Oktober 1964 veränderte sich bald die politische Großwetterlage. Das Ergebnis war das Ende der Tauwetterperiode und eine Rückwendung zur Kommandowirtschaft. Der wirtschaftliche Reformversuch der DDR mit dem Neuen Ökonomischen System der Planung und Leitung der Volkswirtschaft (NÖSPL) passte nicht mehr in die sowjetische Planung. Ulbrichts belehrende Art im Umgang mit dem neuen Generalsekretär der KPdSU sorgte für Verstimmung. Am 3. Dezember 1965 erschoss sich zudem der Vorsitzende der Staatlichen Plankommission, Erich Apel, der Vater des Neuen Ökonomischen Systems. Knapp zwei Wochen später tagte turnusgemäß das Plenum, jedoch mit veränderter Schwerpunktsetzung. Es ging der SED-Führung nun vorwiegend um ideologische Fragen in der Kultur und der Jugend. Das legendäre Rolling-Stones-Konzert vom 15. September 1965 in der Waldbühne, bei dem die Fans das Mobiliar zertrümmert hatten, diente als Beweis dafür, worin die dekadente und inhumane gesellschaftliche Entwicklung des kapitalistischen Systems mündet. Die Wirkung der Beatmusik würde zwangsläufig zum moralischen Verfall der Jugend führen, auch in der DDR. Im Plenum wurden nun auch die DEFA-Filme diskutiert, die den ZK-Mitgliedern am Vorabend gezeigt wurden. Eine Reihe von ihnen schüttete kübelweise Schmutz über die Kulturschaffenden aus. Sie verurteilten die »sozialismusfremden und schädlichen Tendenzen« in beiden DEFA-Streifen. Den Künstlern unterstellte man Skeptizismus und Pessimismus, den verantwortlichen Kulturfunktionären totales politisches Versagen. In Folge des 11. Plenums des ZK der SED wurden der Kulturministers Hans Bentzien, sein Stellvertreter Günther Witt, der DEFA-Direktor Jochen Mückenberger und der Chefdramaturg Klaus Wischnewski abgesetzt. Fast eine ganze Jahresproduktion der DEFA wanderte in die Archive. Die Entwicklung der Filmemacher und Schauspieler blieb davon nicht unberührt. So wurden Jürgen Böttcher und Frank Beyer aus dem DEFA- Spielfilmstudio entfernt. Böttcher-Strawalde wechselte zum Dokumentarfilm und Frank Beyer »durfte« sich am Theater »bewähren«. Selbst Kurt Maetzig, der damals angesehenste und prominenteste DEFA-Regisseur, musste Selbstkritik üben. Für eine ganze Künstlergeneration blieb das 11. Plenum ein Trauma. Der Aufbruch zu einer neuen Formensprache, die den DEFA-Film zu einer Blütezeit hätte bringen können, wurde jäh beendet. Auch die hervorstechende Aktualität und Ehrlichkeit in der Themenwahl waren von nun an lange nicht mehr im DEFA-Film zu sehen. Erst 1990 erlebten die verbotenen Filme ihre späte Premiere und verdiente Anerkennung. In Berlin werden am 15./16. und 19. bis 21. Dezember im Zeughauskino die verbotenen Filme gezeigt. Anschließend besteht die Möglichkeit, mit den Regisseuren, Schauspielern und Zeitzeugen zu diskutieren.

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