EU Kinderarzt an Euthanasie beteiligt
Universitätskommission legt Beweise aus der Nazizeit gegen Jussuf Ibrahim vor
Von Peter Liebers
Der Jenaer Kinderarzt Jussuf Ibrahim war in Euthanasieverbrechen verwickelt. Entsprechende Beweise hat eine Kommission der Fnedrich-Schiller-Universität Jena gefunden.
Die Aktenlage sei jetzt eindeutig, betonte der Kommissionsvorsitzende Prof. Klaus Dicke in einer Presseer klärung. Nach der Auswertung von 63 Zeitzeugenberichten, von Krankenakten und wissenschaftlichen Veröffentlichungen Ibrahims gebe es keinen Zweifel daran, dass der Ehrendoktor der Universität, dessen Namen die Universitätskinderklinik, Kindereinrichtungen und eine Straße in Jena tragen, nach 1941 aktiv an der Euthanasie schwerst geschädigter Kinder beteiligt war. Die Kommission hat den Rektor der Jenaer Universität, Prof. Georg Machnik, deshalb aufgefordert, Schritte zur Umbenennung der Klinik einzuleiten.
Den Anstoß zu den Nachforschungen gab der Publizist Ernst Klee, der seit Jahren über Euthanasie in der Zeit des Faschismus forscht und Anhaltspunkte für Ibrahims Verstrickungen gefunden hatte. Dazu gehörte ein Schreiben Ibrahims an den Leiter der Kinderfachabteilung im Stadtrodaer Fachkrankenhaus, in dem er bat, ein geistig behindertes Kind, bei dem er eine »aussichtslose Zukunft« diagnostiziert hatte, zu beurteilen. In dem Schreiben findet sich der Vermerk »euth?«. Die Fachabteilung in Stadtroda war mit der Selektion für die Euthanasie beauftragt und führte sie auch aus. Das fragliche Kind war in Stadtroda wenig später an einem »fieberhaften Darminfekt« gestor ben, ohne dass in der Krankenakte eine Behandlung dieser Krankheit dokumentiert war. Nach Klees Recherchen konnten Euthanasieärzte nach 1945 in beiden deutschen Staaten unbehelligt arbeiten. Im Westen hätten sie Bundesverdienstkreuze erhalten, während sie im Osten »Verdienter Arzt des Volkes« wurden, konstatierte der Publizist.
In Jena lösten die Vorwürfe Entsetzen und Abwehrreaktionen aus. Während einer Diskussionsveranstaltung im Jenaer Rathaus hatte Dr. Uwe Hoßfeld von der Jenaer Universität darauf verwiesen, dass der faschistische Rassenwahn durch entsprechende Diskussionen und Forschungen von Psychiatern und anderen Ärzten wissenschaftlich vorgezeichnet und schon im 18. Jahrhundert virulent war. Die Nazis hätten das Vorgedachte dann möglich gemacht und zur Perversion geführt. Dr. Georg Maraun von der hessischen »Hilfe für Behinderte« verwies ND gegenüber auf die hohe Aktualität des Themas. In der Genforschung gebe es sogar Ansätze, die die von den Nazis forcierte »menschliche Züchtungsforschung« auf höherer Stufe und in subtilerer Art fortsetzten.
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