- Politik
- Zum 100 Geburtstag von Bruno Apitz
Er war ein Mensch und verdammt, es zu beweisen
Vor hundert Jahren wurde er als zwölftes Kind eines Leipziger Wachstuchdruckers und einer Waschfrau geboren. Der Vater wird zum Säufer, von dem sich die Mutter trennt. Sie ist eine urwüchsige Proletarierin mit Herz, Witz und sächsischer Lebenstüchtigkeit. Als ein guter Bekannter in der Lotterie gewinnt und ihr ein Darlehen gibt, kann sie einen kleinen Laden aufmachen. Der Keller darunter wird zum Umschlagplatz für illegale sozialistische Literatur, denn die Mutter weiß, wohin sie gehört. Bruno, der Liebling, das Nesthäkchen, immer mittendrin.
Als Vierzehnjähriger - die Welt stürzt sich gerade begeistert in den ersten großen Krieg des Jahrhunderts - geht er zur SAJ, mit sechzehn zur Liebknecht-Jugend. Im August 1917 spricht er in Stötteritz zu den streikenden Munitionsarbeitern, fordert sie auf, nicht aufzugeben. Er - »noch ein Kind«, wie die Mutter meint - kommt deshalb zum ersten Mal ins Gefängnis. Verurteilt zu einem Jahr und sieben Monaten wegen versuchten Landesverrats. Der gerade Achtzehnjährige klebt Tüten und muss aus schmierigen Lederabfällen die »guten Stücke« aussuchen. Hier, inmitten des Drecks und der Monotonie liest er - vom Gefängnispfarrer ausgeliehen - Shakespeare, dann Goethe, Schiller, Grillparzer, Anzengruber. Er fiebert mit den Helden der Stücke, lebt und stirbt mit ihnen, saugt gierig, ja süchtig die Klänge Shakespearescher Kunst ein. »In meinem langen Leben habe ich niemals wieder mit solcher Inbrunst gelesen wie damals.« Diese Inbrunst entsprang der Naivität, mit der der von Kultur und Kunst völlig unbelastete Jüngling alles in sich aufnahm, was ihm erreichbar war, willig und mit zunehmender Begeisterung. »So kam ich zur Literatur ... in der Zelle 149 «
Im Oktober 1918 wird er »aufGnadenerlass seiner Majestät« vorfristig entlassen. Er lernt Stempelschneider, verdient sich Geld als Laufbursche, Markthelfer, arbeitet in Buchhandlungen, nimmt Schauspielunterricht, »tingelt«, schreibt - das alles, ohne die politische Arbeit zu vernachlässigen. 1927 tritt er der KPD bei, arbeitet als Parteiarbeiter (u.a. Leiter des Zentralverlags der Roten Hilfe), wird 1930 Mitglied und Leipziger Bezirksvorsitzender des »Bundes proletarischer Schriftsteller«. Fachleute loben seine dramatischen Versuche. 1933 wird er verhaftet, kommt kurz frei, dann folgt die zweite Verhaftung mit einer Verurteilung zu 32 Monaten Zuchthaus. Die verbringt er in Waldheim, wo er heimlich schreibt. Im Anschluss daran wird er nach Buchenwald gebracht. Acht Jahre - bis zur Befreiung - war er da, Häftling Nr. 2417 Selbst dort schreibt er (die Novelle »Esther«), arbeitet auch als Bildhauer, bekannt ist eine von ihm geschnitzte Totenmaske, aus Eichenholz. Er schnitzte auch ein Schreibzeug für den Kommandanten, eine Möglichkeit für ihn, das Leben zu retten.
Nach der Befreiung - da ist er Mitte vierzig, aus einem noch jungen Mann war übergangslos ein schon alter geworden - engagiert sich Apitz für ein antifaschistisches, neues, anderes Deutschland. »Ich schrieb Referate, und zwar in Versen. Ich schrieb sie deshalb, weil... die deutschen Menschen, kaum den Bunkern entstiegen, noch stark von der faschistischen Ideologie des Antikommunismus angesteckt waren«, erinnert er sich 1967 Er wird Ver waltungsdirektor der Städtischen Bühnen in Leipzig, Redakteur der Leipziger Volkszeitung, Kreissekretär des Kulturbundes, Dramaturg bei der DEFA. Endlich 1955 setzt er sich hin und schreibt. »Du bist ein Mensch, beweise es«, sollte das Buch heißen. Der Verlag fand »Nackt unter Wölfen« besser.
Es war der Mitteldeutsche Verlag in Halle, andere - renommiertere - Verlage hatten den Roman abgelehnt. KZ-Bücher, so meinten sie, seien nunmehr »out«, einzig das Neue müsse beschrieben werden. Und: Man traute diesem Niemand kein Buch von Belang zu. Sie sollten Unrecht haben: Der 1958 erschienene Roman, wir kennen ihn alle, eroberte die DDR, die Welt (insgesamt fast 3 Millionen Auflage, in 30 Sprachen übersetzt), war Unter richtsstoff in den Schulen. Der unbekannte Bruno Apitz war über Nacht ein Großer geworden - Nationalpreis, Akademie der Künste, Ehrenbürger von Leipzig. Mit diesem einen Buch (die anderen seiner Arbeiten wurden stets an »Nackt unter Wölfen« gemessen und erreichten es nicht) - so wurde er noch 1979 anlässlich seines Todes gelobt - hat er sich in die Weltliteratur eingeschrieben.
Heutige Literaturwissenschaftler und Feuilletonisten urteilen meist anders. Im Vergleich mit dem wirklichen Geschehen in Buchenwald habe Apitz harmonisiert, heroisiert und Wichtiges unerwähnt gelassen. Die allzu führende Rolle der Kommunisten im Widerstand; die allzu per fekte Organisation des ILK, hier die bestialischen oder dummen Nazis, da die standhaften, guten Häftlinge. Nichts über die heute ins Zwielicht geratenen Kapos. Von den Häftlingen, denen Apitz im Buch einen Namen und damit Gewicht gibt, ist es nur einer, der umkommt. Auch die Geschichte mit dem Kind war ganz anders ...
Verglichen mit früheren und wesentlich späteren KZ-Büchern kommt »Nackt unter Wölfen« ebenfalls nicht gut weg: Zuviel Bewusstheit, Märtyrertum und zu wenig Verzweiflung, Zweifel und Problematisierung. Die Glätte eines Siegerbewusstseins lässt keine Ahnung aufkommen vom lebenslänglichen Gezeichnet;, ja Gebrochensein, von der ewigen Last eines Häftlings, die unter anderem Jorge Semprun oder Fred Wander oder Primo Levi später so eindrucksvoll beschrieben haben. Und überhaupt das Ästhetische: Manche Passagen triefen geradezu vor Sentimentalität und Pathos, manches ist sprachlich unbeholfen, über dem Roman liege ein »Netz von Trivialmustern«. Die von mir verehrte Ruth Klüger urteilt gar- »ein Kitschroman«.
Bekanntlich sind die Geschmäcker, auch die literarischen, verschieden. Jedes Urteil atmet den Geist seiner Zeit und ist Kind eigener Erfahrung und Überzeugung. Aber seltsam ist es doch, wenn bestimmte Maßstäbe nur an bestimmte Ar beiten angelegt werden. »Schindlers Liste« beispielsweise hielte derartigen Kriterien auch nicht stand, was wohl Spielberg nicht sonderlich beeindrucken würde. Der weiß, dass Kunst, die aufwühlt, nicht gänzlich wirklichkeitsgetreu sein muss und Pathos verträgt. Letztlich entscheidet der Leser, und meinen Kritikerkollegen empfehle ich ein Quäntchen mehr historisches Verständnis und vor allem: Respekt für dieses Leben und diese Lebensleistung. Da schreibt sich der schon immer künstlerisch ambitionierte, doch nie zum Zug gekommene fast sechzigjährige Bruno Apitz sein Grunderlebnis von der Seele: dem Faschismus widerstanden und ihn letztendlich besiegt zu haben. Erniedrigende jahrelange Haft, die - wie er es empfand - nur ertragen werden konnte, weil er ein politischer Mensch war. Er er lebt die Selbstbefreiung der Häftlinge in Buchenwald. Er erlebt, dass seine Genossen und er die Geschäfte im Land von den Alliierten und dann den sowjetischen »Brüdern« übertragen bekommen. Von dieser Warte aus ist das, was er beispielsweise 1947 über das bloße Vegetieren im »Kleinen Lager« in Buchenwald schrieb, zehn Jahre später nicht vergessen, aber verdrängt vom Stolz, »ein Mensch geblieben zu sein«. Verdrängt, verschwiegen die nächtlichen Träume, die auch ihn nicht verlassen.
Er schreibt sein Buch mit realistischen und naturalistischen, aber auch mär chenhaften und pathetischen Zügen, wobei sich auch die Erfahrung der 50er Jahre wiederfinden. Dass es dem Verantwortung tragenden Parteifunktionär Bochow an Herz mangelt, ist eines seiner Probleme, und auch, dass die Kluft zwischen denen, die »oben« im ILK entscheiden, und den normalen Häftlingen erheblich ist. Wer genau liest, findet sogar die Allmacht der »führenden Rolle« sanft in Frage gestellt, denn das Kind wird anfangs gegen den Parteibeschluss im Lager behalten. Das Buch atmet auch dann den Geist seiner Zeit, wenn die sowjetischen Genossen die pfiffigsten und weisesten sind. Wie oft bei Schreibern, denen die Erfahrung fehlt und denen das Herz überläuft, sind zuweilen große Worte eher parat als leise. Manches wird erklärt, was den Kommentar nicht braucht. Modernes Erzählen oder kühnes Querdenken ist nicht Apitz Sache, der eher ein Traditionalist oder Schöngeist war. Seinen Shakespeare und Schiller hat er genau gelesen. Er kann Spannungen bauen, hat Sinn für Dramatik, weiß um die Poesie von Motiven und kennt die Details. Er beschreibt Menschen und Situationen, die ich zeitlebens nicht vergessen werde: Den kleinen Pippig und Krämer beispielsweise. Die Schreie von Höfel und Kropinski aus größter Not - nicht aus Angst vor dem Tod, sondern aus Furcht vor eigenem Verrat.
Dass so viele Häftlinge und das Kind gerettet werden, gehört zum Märchenhaften und zur Utopie dieses Mannes. Der Utopie vom Prinzip Hoffnung und vom Menschen. Ein Wort, das, wenn es nach der Erfahrung der tiefsten Tiefen eines Lebens immer noch »stolz« klingt, auch Verdrängungen einschließt. Dass diese Fehlstellen später von Leidensgenossen, Schriftstellerkollegen thematisiert werden, ist gut und wichtig, und beschämend dabei die Engstirnigkeit von DDR-Verantwortlichen, wichtige Werke nicht zu drucken. Aber deshalb soll man Bruno Apitz Ver dienst nicht schmälern und ihn nicht ver gessen.
»Nackt unter Wölfen« ist in einer Ausgabe des Auflau Taschenbuch Verlages erhältlich (427 Seiten, broschiert, 18,90 DM).
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