Geisterrufer
Tom Strohschneider über Ukraine-Konflikt und Kriegsgefahr
Der Ukraine-Konflikt droht, zu einem heißen Krieg zu werden - und es werden nachher alle behaupten, nicht Schuld daran gewesen zu sein. Wer war es dann?
Die Frage, wessen Handeln eine Eskalation in Gang setzte, deren Endpunkt man sich nicht vorzustellen wagt, ist Kern der Debatte über die gefährlichste Krise seit Langem. War es die EU, die einen illegitimen Machtwechsel in Kiew befeuerte? War es Russland, das erst die ganze Ukraine in seinem Machtbereich halten wollte, dann wenigstens die Krim? War es die NATO, die sich nach Osten ausdehnte und so Russland bedrohte? Waren es die Interessen von Oligarchen - und ihrer ebenfalls an Profiten interessierten Abnehmer im Westen?
Aus der Sicht der Akteure, die alle vorgeben, im Namen von Mehrheiten zu handeln, sind es »äußere Zwänge«, die angeblich nötig machen, was je getan wird. Und so werden durch »Reaktion« immer neue Geister gerufen: Moskau befeuerte Unabhängigkeitsstreben in der Ukraine und historisch geprägte Sorge in Osteuropa; Osteuropa befeuerte Militärgebärden der NATO, die NATO so wiederum russische Sorgen. Die EU befeuerte Angst vor faschistischen Kräften. Und so fort.
Kriege, so heißt es, werden nicht immer begonnen, manchmal brechen sie aus. Anders: Es brauche nicht unbedingt den Willen zum letzten Schritt, sondern mitunter reicht die fatale Bereitschaft, sich den angeblich immer nur von anderen gesetzten Zwängen zu beugen - und mitzulaufen. Die Geister, die in diesem Ukraine-Konflikt alle schon gerufen wurden - wer wird sie noch los?
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