Die Hunde in anderen Ländern

Abseits! Die Feuilleton-WM-Kolumne

  • Kirsten Fuchs
  • Lesedauer: 3 Min.

Mein Hund hatte einen harten Tag. Er hat Angst vor Gewitter und Feuerwerk. Er benimmt sich, als würde die Welt untergehen, nur weil es sich so anhört. Er hat schon Angst, wenn jemand »Tooor« ruft, denn er weiß, wenn jemand »Tooor« ruft, dann knallt es gleich.

Ich habe den Hund aus dem Tierheim. Da war er schon zwei Jahre alt und über seine Vergangenheit wusste man nichts. Die ersten zwei Jahre war er irgendwo, wo er nichts gelernt hat. Außer Angst zu haben vor Feuerwerk und Gewitter. Wenn er Angst hat, versteckt er sich. Am besten unter etwas, denn in seiner Logik ist es unter etwas auf jeden Fall sicherer. Er versteckt sich unter dem Küchentisch oder kriecht unter das Hochbett der Tochter. Dort zittert er und hechelt. Er weiß nicht, dass Angst etwas ist, das in ihm drin ist und dass er die Angst bei sich hat, auch wenn er sich versteckt. Man kann sich vor der Angst nicht verstecken, aber was weiß ein Hund davon? Immer wenn es knallt, wechselt er das Versteck, denn dieses Versteck in dem er lag, hat ja nicht geholfen.

Den ganzen Nachmittag hat er gezittert und gehechelt. Erst spürt er das Gewitter anrollen, dann ist es da und wenn es weg ist, braucht er noch mal eine halbe Stunde, um sich zu beruhigen. Gegen Abend schläft er endlich, aber dann geht das Spiel los. 1:0, 2:0, 3:0, 4:0 ... Der arme Hund! Armes Brasilien! Der arme Neymar! Aber auch der arme Mann, der ihn gefoult hat. Er lebt ein Leben lang als der Mann, der Neymar gefoult hat.

Irgendwann knallen die Fans in der Stadt nicht mal mehr. Vielleicht sind die Knaller alle. Für so viele Tore hat niemand Feuerwerk eingepackt.

Ich habe die ganzen letzten Wochen gesagt, dass Brasilien gewinnt, einfach weil ich das mir so gewünscht habe. Meiner Mutter habe ich erklärt, warum die Brasilianer gewinnen. Sie hat mir sogar geglaubt. Ich bin immer für Brasilien, egal gegen wen sie spielen und wie sie spielen. Seit 2002 ist das so.

Und Deutschland? Manchmal mag ich die Mannschaft, manchmal nicht.

Aus Spaß habe ich die ganze Zeit gesagt, dass es für meinen Hund auch besser ist, wenn Deutschland rausfliegt. Warum soll das kein guter Grund sein, sich bei einem Fußballspiel für eine Seite zu entscheiden? Vielleicht gibt es ja auch noch andere Hunde in Deutschland, die zitternd unter einem Hochbett in einem Kinderzimmer liegen.

Hoffentlich haben wenigstens die ängstlichen Hunde in Brasilien an diesem Abend Ruhe, denke ich. Vielleicht werden sie weinend gestreichelt, vielleicht wütend getreten.

In der Halbzeitpause kommen Nachrichten. Gazastreifen, Israel, Ukraine. Was für ein Scheißspiel. Ich bin so traurig. Ich würde mich jetzt gern unters Hochbett legen.

Ich denke an alle Hunde überall, die Angst haben. Die nicht wissen, warum es knallt, was ein Sieg ist, welche Schlacht nur Sport ist, für die es einfach nur knallt, wenn es knallt.

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