Leuchte, Deutschland, leuchte

Stephan Fischer über das Wort des Jahres und Grenzen, die man leuchten, aber sich auf gar keinen Fall nehmen lässt

  • Stephan Fischer
  • Lesedauer: 2 Min.

Da kam einfach alles zusammen, was zusammengehörte: Ein schönes, rundes Jubiläum, viele Besucher und ganz viel »Weißt du noch, wie wir damals?« Und damit sich keiner verläuft, war die gesamtdeutsche Erinnerungsroute auf dem ehemaligen Todesstreifen in Berlin mit erleuchteten Ballons markiert. Eine Lichtgrenze ward geschaffen, auf dass sich Deutsche in Ost und West noch einmal wohlig schauern konnten zum Mauerfalljubiläum. Die Laternen und das Fernsehen leuchteten auch noch den letzten Erinnerungsfetzen aus, jedes »Wahnsinn« durfte noch einmal gebrüllt, jede Trabihaube zumindest im Geiste noch einmal beklopft werden, genau wie die eigenen Schultern. Ist ja auch dufte gelaufen in den 25 Jahren danach: Zweimal Weltmeister im Fußball, gleich zu Beginn und gleich noch mal im letzten Sommer, Exportweltmeister sowieso, ein Hoch auf uns!

Hoch gingen dann auch die Ballons, die Lichtgrenze entschwand in die Nacht und ward nicht mehr gesehen und ist jetzt doch verewigt als Wort des Jahres 2014. Und stellt damit alles in den Schatten, sogar die Schwarze Null, die nur auf Platz zwei einlief. Aber die zeigt sich ja auch eher weniger: weniger Investitionen, weniger Bildung, weniger Sozialleistungen. Die Lichtgrenze, die alles überstrahlende, die zeigte sogar Grenzen auf, selbst als sie schon fort war: 9. November, war da nicht noch was anderes als Grenze? Ach ja, ausgrenzen. Aber so ein Gedenken an die Reichspogromnacht 1938 hätte ja nur die Stimmung gedrückt. Und Fackeln und Feuer und Licht kommen zu so einem Anlass auch nicht ganz so gut rüber: Zum Glück stand da 2014 kein rundes Jubiläum an und so konnten die Fackeln und Kerzen doch noch raus geholt werden, zumindest in Erfurt. Um Rot-Rot-Grün aus Thüringen zu jagen? Nicht doch, man wollte einfach mal die Grenzen des politischen Anstandes ausleuchten.

So ein schönes deutsches Wort des Jahres, das bleibt, und so machen sich jetzt jeden Montag, auch um die deutsche Sprache besorgte Bürger, erstaunlicher- oder glücklicherweise schweigend zwar, am Abend im Land auf, um mit Smartphonedisplays leuchtend wieder Grenzen abzustecken. Wir das Volk und ihr die anderen. Und an manchem Morgen, so wie heute, ist es dann so dunkel in diesem kalten Land, wenn wieder Flüchtlingsheime niedergebrannt sind. Die Feuer sind aus, aber die Zeichen bleiben sichtbar: Wir lassen uns unsere Grenzen und Begrenztheiten nicht nehmen, wir lassen sie lieber leuchten.

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