Bedingt anspruchsvoll

ARD und Degeto: Doppelstruktur zum Nachteil des Zuschauers?

  • Katharina Dockhorn
  • Lesedauer: 3 Min.

Auf die britische Serie um die unverwüstlichen »Drei Musketiere« im Weihnachtsprogramm ist Christine Strobl immer noch stolz. Seit 2012 ist die Schwäbin Chefin der Degeto, die ursprünglich als Einkaufsorganisation der ARD für Filme und Serien aus aller Welt gegründet wurde. Doch längst ist die Degeto mehr als nur ein Anhängsel eines öffentlich-rechtlichen Senders; die GmbH zählt mittlerweile zu einem wichtigen Player auf dem deutschen Film- und Fernsehfilm-Markt. Das hat zur Herausbildung von Doppelstrukturen mit den ARD-Anstalten geführt.

Rund 30 Prozent des Programmangebots des Ersten werden mit Fiktionalem bestückt, 2012 waren es 1195 Titel oder mehr als 725 000 Programmminuten. Mehr als 80 Prozent der Filme oder Serien kauft oder koproduziert die Degeto,. Rund 400 Millionen Euro schwer ist ihr Etat, 331 Millionen flossen 2013 ins Programm.

An ihrem ersten Arbeitstag übernahm Christine Strobl von Hans-Wolfgang Jurgan einen Scherbenhaufen. Er hatte das Budget maßlos überzogen. Die ARD-Anstalten sprangen mit 24 Millionen Euro ein, um kurzfristige Verbindlichkeiten zu bedienen. Das Darlehen wird in der laufenden Gebührenperiode zurückgezahlt. Zudem muss die Degeto mit weniger Geld auskommen. Die KEF (Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten) hatte die Anmeldung um 10 Millionen Euro gekürzt.

Der Rechnungshof Hessen warf der Degeto 2011 gesellschaftsrechtliche Versäumnisse vor. Aufsichtsrat und Gesellschafterversammlung waren eng ins operative Geschäft einbezogen. In beiden Gremien saßen zum Teil die gleichen Personen. 2012 verabschiedeten die ARD-Intendanten daher eine neue Satzung. Das Vier-Augen-Prinzip wurde als Parameter bei den Entscheidungsfindungen eingeführt und eine mittelfristige Finanzplanung begonnen. Endlich wurden der Degeto Vorgaben bei der Programmbeschaffung gemacht. Sie orientiert sich jetzt an der inhaltlichen Ausgestaltung des Sendeplatzes.

Offen ist die vom Rechnungshof angeregte Filmrechtedatenbank. Bei Christine Strobl steht dies ganz oben auf der To-Do-Liste. Einen weiteren Kritikpunkt weist sie energisch zurück. Die KEF beklagt die Höhe der Gehälter der 73 Mitarbeiter, die an die Tarifvereinbarungen des Hessischen Rundfunks gekoppelt sind. Sie widersprächen der Selbstverpflichtung der ARD-Anstalten, das Niveau des öffentlich-rechtlichen Dienstes nicht zu überschreiten. Der Briefwechsel zu dieser Kritik fülle mittlerweile mehrere Ordner, räumt Christine Strobl ein. Programmetat und Personalausgaben seien streng getrennt und die Erhöhung des einen Postens gehe nicht auf Kosten des anderen.

Für den Zuschauer sind die Organisationsprobleme allerdings nebensächlich. Er will gute Programme sehen. Doch diesen Anspruch erfüllt die Degeto nur bedingt. In der Kritik stand besonders das Süßholzgeraspel am Freitagabend. Die Degeto hat auch hier umgeplant. Mittlerweile produziert man verstärkt Event-Filme wie »Die Himmelsleiter« - ein Zweiteiler, der den Alltag im Nachkriegsdeutschland zum Inhalt hatte. Strobl und der von ihr zur Degeto geholte Produzent Sascha Schwingel wollen Akzente setzen. In diesen Tagen fällt die erste Klappe für die Serie »Babylon Berlin« nach den Bestsellern von Volker Kutscher. Die Serie um Kommissar Gereon Rath, der im Berlin der 1920er Jahre ermittelt, wurde von Tom Tykwer, Hendrik Handloegten und Achim von Borries.entwickelt. Partner ist der Bezahlsender Sky.

Ein Kernproblem der Verflechtung zwischen den ARD-Sendern und der Degeto bleibt jedoch bestehen: Bei vielen Filmen teilen sich Redakteure von Degeto und der ARD die Verantwortung, die Abstimmungsprobleme mit mehreren Partnern waren für die Produzenten oft Spießrutenläufe. Künftig sollen die Produzenten zwar nur noch einen Ansprechpartner haben, allerdings ist die Reform halbherzig. Nichts wissen will die ARD beispielsweise vom dänischen Erfolgsmodell. Bei einer Serie wie »Borgen« nahmen die Redakteure der verantwortlichen Sender das Buch ab und mischten sich bis zu Abnahme des fertigen Films nicht ein.

Auch an eine Entflechtung der Aufgaben von Degeto und der Redaktionen in den ARD-Anstalten denkt niemand. Und keiner beklagt die Ausrichtung der Programmbeschaffung. Die Spielfilme »Ida«, »Höhere Gewalt« oder »Leviathian«, geadelt mit Nominierungen für den Europäischen Filmpreis, Golden-Globe oder Oscar finden keine Gnade bei den Einkäufern. Die moderne Weltfilmkunst ist aus den ARD-Programmen weitgehend verschwunden

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