Welcome in Berlin!

  • Jürgen Amendt
  • Lesedauer: 3 Min.

Krise, Krise, Krise - egal, an welchem Ort man sich derzeit in Berlin aufhält, mit wem man sich unterhält, welche Zeitung man liest, welchen Radiosender man hört, welchen TV-Sender man eingeschaltet hat oder auf welcher Seite im Internet man beim Surfen hängengeblieben ist: Überall ist nur von der Krise die Rede. Es gibt die Flüchtlings-Krise, die EU-Krise und die Arbeiten am angeblich als Flughafen geplanten Bauprojekt in Schönefeld gelten bereits als Folge einer Dauer-Krise.

Das drückt aufs Gemüt, macht schlechte Laune. Schlechte Laune aber ist in einer Zeit, in der selbst die mit heruntergezogenen Mundwinkeln zur Welt gekommene Bundeskanzlerin nur Optimismus verbreitet (»Wir schaffen das«), definitiv undeutsch. Wir Deutsche sind jetzt hilfsbereit, freundlich und aufmerksam gegenüber Anderen und geben bereitwillig unseren Nächsten etwas von unserem Wohlstand ab.

An der Spitze der Wohlfühl-Freundlichkeit-Lächeln-Pyramide stehen die Berliner. Hier geht es noch eine Spur netter zu als im Rest von »Helldeutschland«. Von hier brachte bereits in den 80ern »Codo der Dritte aus der Sternenmitte (...) die Liebe mit von seinem Himmelsritt«. In den vergangenen 30 Jahren sind die Berliner noch netter geworden. Selbst eine Boulevardzeitung, die sonst gegen Fremde hetzt, verkündet jetzt via Twitter refugeeswelcome und bedankt sich täglich bei den vielen netten Helfern, die den Flüchtlingen entschlossen entgegenlächeln.

»nd« möchte dem nicht nachstehen. Nachfolgend deshalb ein herzliches Dankeschön an all jene hilfsbereiten und freundlichen Menschen, die mir in den vergangenen Tagen und Wochen begegnet sind (der Verfasser dieser Zeilen betont, dass die genannten Ereignisse stattgefunden haben und nicht seiner Phantasie entsprungen sind):

Ein Dankeschön an die Busfahrerin, die an der Endhaltestelle des Schienenersatzverkehrs allen Fahrgästen ausführlich und geduldig erklärt hat, wie man von dort zum Anschlussbus an der Ersatzhaltestelle gelangt.

Ein Dankeschön an den Fahrer eines Kleintransporters, der mitten im Feierabendverkehr anhielt und einen Rückstau in Kauf nahm, nur um mir hinterherzulaufen und mir mein Baguette wiederzugeben, das mir aus der Fahrradtasche gefallen war.

Ein Dankeschön an die Mitarbeiterin der Abo-Abteilung einer großen Berliner Lokalzeitung, die mir 200 Euro anbot, wenn ich die Kündigung meines Abonnements zurücknehme.

Ein Dankeschön an meinen Nachbarn, den Inhaber des vietnamesischen Spätverkaufs in unserer Straße, der mir eine Schale Reis schenkte, weil der Reis in seinem Geschäft ausverkauft war.

Und weil so viel Dank mich gruselt und Freundlichkeit auf die Dauer sehr anstrengend ist, zum Abschluss noch etwas, was uns wieder auf die alte deutsche Tugend der Unfreundlichkeit besinnen lässt. Die Pest allen Autofahrern, die weiterhin durch unseren Kiez brettern, obwohl auf den Schildern klipp und klar die Anweisung steht: »Durchfahrt verboten«! Autofahrernotwelcome

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