Wenn Implantate wandern

  • Hagen Jung
  • Lesedauer: 3 Min.
Wegen fehlerhafter Bandscheiben-Prothesen mussten 20 Patienten im niedersächsischen Leer erneut operiert werden. Wurden solche Implantate europaweit ausgeliefert?

Die Schmerzen im Rücken sind weg! So freuten sich Patienten nach ihrer Bandscheiben-Operation im Kreis-Klinikum Leer in Niedersachsen. Schadhafte Bereiche zwischen den Wirbeln hatten die Ärzte durch Implantate ersetzt, die Behandelten hofften auf ein beschwerdefreies Leben, vertrauten auf die ostfriesische 320-Betten-Klinik. Immerhin ist sie akademisches Lehrkrankenhaus der Medizinischen Hochschule Hannover, zählt zu ihren Schwerpunkten die Wirbelsäulenchirurgie.

Doch die Schmerzen kehrten bei 20 Patienten zurück, erneut mussten sie unters Messer. Es stellte sich heraus: Die Prothesen waren - für Chirurgen nicht erkennbar - defekt, saßen nicht sicher an ihrem Platz, sie »wanderten«. Der Hersteller, das mittlerweile insolvente britische Unternehmen Ranier aus Cambridge, hatte das zwar erkannt - aber erst, als schon etliche Implantate ausgeliefert waren. Ein Rückruf folgte, für Leer zu spät.

Wie das Krankenhaus mitteilt, gab es im Frühjahr 2014 von Ranier für die Prothesen eine dringende Sicherheitsmitteilung. Diese aber sei dem Klinikum »pflichtwidrig erst im zweiten Quartal 2015 zur Kenntnis gegeben«. Nach den Operationen.

Insgesamt haben 48 Patienten in Leer die unsicheren Prothesen bekommen. Diejenigen, die bislang nicht erneut operiert werden mussten, sollen sich bei ihren Ärzten zu Kontrolluntersuchungen vorstellen. Doch nicht nur ihnen hat das Krankenhaus dies empfohlen, sondern auch mehr als 100 Frauen und Männern, die Implantate aus Cambridge erhielten, auch solche außerhalb der mangelhaften Produktcharge.

Die Fälle in Ostfriesland dürften nur die Spitze eines Eisberges sein, sind doch laut Informationen der Kaufmännischen Krankenkasse in Hannover (KKH) in den vergangenen Jahren rund 11 000 Patienten mit Bandscheiben-Implantaten von Ranier versorgt worden. Wie viele dieser Prothesen schadhaft waren, welche Kliniken sie erhalten und eingesetzt haben - dazu hofft die Versicherung nun auf Informationen von Krankenhäusern, Ärzten und Patienten. Auch hat die KKH von der Firma eine Lieferliste angefordert.

Das Gleiche hat die AOK getan, nicht zuletzt, weil durch erneute Operationen, Nachsorge und eventuelle Reha hohe Kosten im Raum stehen. Zwar könnte die Versicherung Regress vom Hersteller fordern, doch: Das sei bei einer insolventen Firma schwierig, sagt Niedersachsens AOK-Sprecher Carsten Sievers. Es sei nun zu prüfen, inwieweit hinter Ranier eine Haftpflichtversicherung steht und ob es einen Rechtsnachfolger gibt.

Könnte sich die Sache angesichts der Liefermenge zu einem europaweiten Skandal ausweiten, wie schon hier und da befürchtet wird? Das lasse sich aktuell weder bestätigen noch ausschließen, erklärte Sievers gegenüber »nd«. Zumindest mache die Causa Leer einmal mehr deutlich, wie wichtig die Forderung nach einem strengen Zulassungsverfahren für Medizinprodukte im Hochrisikobereich ist. Hier sei die Politik nach wie vor gefordert. Nicht nur die AOK verlangt zudem eine verbindliche Haftpflichtversicherung für Hersteller solch sensibler Erzeugnisse.

Ob es für Ranier eine derartige Versicherung gibt, prüft auch Rechtsanwalt Burkhard Remmers aus Leer. Er will für Patienten, die im Kreis-Klinikum mangelhafte Implantate bekommen haben, Schadensersatz und Schmerzensgeld erstreiten. Zu prüfen sei auch, so Remmers, »ob Ansprüche gegen das Krankenhaus bestehen«.

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