Nachhaltigkeit in der Wissenschaft
Bildungsrauschen
Seit geraumer Zeit diskutiert die Fachpresse das von der Universität Potsdam entworfene »nachhaltige« Tenure-Track-Modell. (uni-potsdam.de). Der Begriff Tenure Track kommt aus dem US-Amerikanischen und wurde 2002 mit der Juniorprofessur in das deutsche Hochschulsystem übernommen. Es bedeutet in etwa die Spur (track), die zur Anstellung (tenure) führt, und ist gewissermaßen eine Zusage einer Lebenszeitprofessur nach Ablauf der befristeten Juniorprofessur. Der Tenure Track ist also an die Juniorprofessur gekoppelt.
Vorgesehen waren dafür Wissenschaftler, die nach ihrer Dissertation oder der Juniorprofessur die Hochschule gewechselt haben. Häufig wird dies unterlaufen und Hochschulen stellen ihren hauseigenen Nachwuchs ein, ohne dass dieser breitere Erfahrungen sammeln konnte, wie es auf academics.de heißt. Mit einem gestuften System will die Universität Potsdam dem entgegenwirken. So soll es eine wissenschaftliche Personalentwicklung geben, die sich an einer »ganzheitlichen Fachentwicklungsstrategie« orientiert und innerhalb der Universität eine »zentrale Komponente der Berufungsstrategie« darstellt. Ausgangspunkt ist die nach »fakultätsinterner Auswahl der möglichen Professur und Zustimmung des Präsidiums« vorgesehene internationale Ausschreibung von Juniorprofessuren für Nachwuchswissenschaftler, die »hohe wissenschaftliche Reputation und Zukunftspotenzial« versprechen. Hierzu zählt pädagogische Eignung, eine überdurchschnittlich gute Dissertation und wissenschaftliche Auslandserfahrung.
Diese als W1 eingestuften Professuren beinhalten eine Tenure-Option und sollen nach drei Jahren evaluiert werden (Phase eins). Bei Erfolg wird diese bei angepasster Besoldung um drei Jahre verlängert. Es erfolgt eine weitere Evaluation, die darüber entscheidet, ob der Anwärter die Lebenszeitprofessur auf W2-Niveau samt Ausstattung erhält (Phase zwei). Nach einigen Jahren entscheidet eine weitere Evaluation über den Aufstieg zur W3-Professur (Phase drei). Das Ziel sei es, international überdurchschnittlich qualifizierten wissenschaftlichen Nachwuchs »bei Bewährung langfristig« für die Universität Potsdam zu gewinnen.
forschung-und-lehre.de sieht darin ein Modell für ein nachhaltiges Wirtschaften. Allerdings entstünden für die Uni auch Mehrkosten, da Juniorprofessuren »vorgezogene Nachfolgen« seien. Diese Mehrkosten würden sich jedoch amortisieren, wenn in absehbarer Zeit die Nachwuchskräfte über das gestaffelte System im Wissenschaftsbetrieb angekommen seien. Zudem rechne die Universität mit steigenden Studierendenzahlen, so dass ein erhöhtes Lehrangebot abgedeckt werden müsse.
Bei aller Zuversicht mahnt der Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung an der Universität Potsdam, Frank Bösch, dass Hierarchien - anders als in den USA - bestehen blieben und sich negativ auf die Entwicklung auswirken (blog. historikerverband.de). tgn
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