Es hat nicht dauernd gekracht

Tilman Spohn sieht den Kometen Tschurjumow/Gerassimenko als Beleg für eine ruhigere Frühphase des Sonnensystems

  • Lesedauer: 3 Min.

Ende September endet der Flug der Sonde »Rosetta« mit dem planmäßigen Absturz auf dem Kometen Tschurjumow/Gerassimenko. Haben die Daten der Sonde bisherige Theorien der Planetenentwicklung bestätigt oder müssen wir umdenken?

Das grundsätzliche Modell, nach dem es da einen Urnebel gegeben hat, in dem sich durch Kondensation Festkörper bildeten, aus denen letztendlich die Planeten entstanden, das ist sicherlich nach wie vor richtig. Anders sieht es mit den Verfeinerungen dieses Modells aus. Entstanden in dem Modell des Russen Viktor Sawronow (1917-1999) die Planeten direkt durch Kondensation aus der Gasphase, so sehen aktuelle Szenarien eine Art Kaskade vor. Dabei entstehen zunächst mal kleinere Festkörper, die immer größer werden. In einer Art Kannibalismus fressen die Großen die Kleinen auf. Diese Kerne aus Silikaten und Eisen ziehen anschließend fast alles Gas aus dem Urnebel an sich und werden so zu den heutigen Riesenplaneten. Jupiter und Saturn regulieren mit ihren gewaltigen Massen die weiteren Prozesse im entstehenden Sonnensystem, die Entstehung der inneren Planeten, aber auch von Uranus und Neptun sowie die heutige Anordnung von Asteroiden und Kometen. Dieser Teil des Modells ist zumindest qualitativ weiter richtig.

Zur Person

Prof. Dr. Tilman Spohn ist Direktor des Berliner Instituts für Planetenforschung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt. Steffen Schmidt befragte ihn nach dem Ertrag der europäischen Kometensonde »Rosetta« für die Theorien von der Entstehung unseres Sonnensystems. Kometen gelten als letzte Quelle des ursprünglichen Baumaterials der Planeten unseres Sonnensystems.

Und wo stimmen sie nicht mehr?

Das Modell, das zur Zeit am meisten diskutiert wird, ist das »Nizza-Modell«. Das heißt nach dem Ort an der Côte d’Azur, wo es damals entstanden ist. In diesem Modell gab es eine Phase der relativ heftigen Zusammenstöße all dieser Körper. Und dieses Szenario wird durch Tschurjumow/Gerassimenko eher nicht bestätigt. Der Komet hat offenbar seit seiner Bildung vor viereinhalb Milliarden Jahren keine Stöße erfahren. Zumindest trägt er heute keine Spuren davon. Das heißt zwar nicht, dass es gar keine Stöße gegeben hat, aber es müssen in der Frühphase viel weniger gewesen sein als im Modell angenommen. Statt dessen sind damals die Körper wohl eher langsam gewachsen durch Agglomeration und nicht durch eine Vielzahl heftiger Zusammenstöße.

Kann man das aus einem Kometen schon ableiten? Selbst Objekte aus der gleichen Gegend unterscheiden sich doch stark.

Das ist tatsächlich, was das »Nizza-Modell« vorhersagt: Nach Entstehung der vier Riesenplaneten hat es eine Resonanz zwischen den Vieren gegeben, sodass Uranus nach innen und Neptun nach außen wechselte. Das hat alles im Sonnensystem durcheinandergewirbelt. Aber unser Komet trägt eben keine Spuren der angenommenen Kollisionen.

Die Daten von »Rosetta« scheinen hingegen eine andere These zu stützen, die von den Lebensbausteinen aus dem All.

Das ist zwar nicht auszuschließen, aber als einzige Quelle finde ich das doch ein bisschen hergeholt. Für mich zeigt das eher, dass präbiotische Moleküle nicht nur auf der Erde entstehen konnten, sondern auch in den Weiten des Weltalls. Das heißt, Leben kann sich an vielen Orten im All entwickelt haben.

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