Das F-Wort

Mit der Bezeichnung Faschismus ist gegen die bestehenden Verhältnisse noch nicht viel gewonnen

Sieht so der Faschismus aus? US-Präsident Donald Trump auf dem Weg zum nächsten Termin
Sieht so der Faschismus aus? US-Präsident Donald Trump auf dem Weg zum nächsten Termin

»Die Faschismusdebatte ist vorbei«, erklärte jüngst der Philosoph Jason Stanley in einem Interview zu seiner Entscheidung, die US-amerikanische Universität Yale zu verlassen und nach Kanada zu gehen. Er wolle damit ein Zeichen setzen, um auf die Dringlichkeit der Situation hinzuweisen. Gemeint ist die Frage, ob sich die gegenwärtigen Entwicklungen in den USA als Faschismus begreifen lassen. »Ja, natürlich«, erwiderte Stanley. »Welche Begriffe sollen wir denn sonst verwenden?«

Für die Deutlichkeit erhielt er linksliberalen Zuspruch, weil er eine dramatische Eskalation benennt, die medial oft immer noch verharmlost wird. Vielen, die dies offenbar schon lange als Unbehagen spüren, spricht das aus der Seele. Aber er verweist damit auch ungewollt auf ein Problem: Wir müssen es Faschismus nennen, weil wir keine besseren Begriffe haben – sprich, kein besseres Verständnis der Verhältnisse, die sich zu immer größeren Katastrophen verdichten. Auch wenn der Begriff »nicht perfekt passe«, wie er sagt, gehe es darum, »die Strategien dieser Bewegung zu verstehen«. So wird aus der Analyse eine Übersprungshandlung in der intellektuellen Hilflosigkeit gegenüber der Welt.

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Denn jahr(zehnt)elang wurde das Erstarken der Rechten verharmlost und missverstanden als Populismus – damit es noch wie ein demokratisches Phänomen erscheint – oder Rechtsruck – damit es wie eine plötzliche Bewegung von Außen erscheint. Nun springt man zum Faschismusbegriff über, um nachholend dem Ernst der Lage gerecht zu werden. Aber die Probleme bleiben bestehen, dass damit weder Ursachen noch die breit geteilte Faszination faschistischer Politiken erklärt sind. Unbestritten ist die Lage drastisch: Aggressiv wird mit Handelskrieg und »America First« der Nationalismus bis zur Kriegsertüchtigung beschworen, der Feind wird markiert, deportiert, in Lager in El Salvador gesperrt, es gibt Rechtsbrüche mit System, Regierung per Executive Order, Gleichschaltung gegen Gleichstellung, Faschismusforscher müssen das Land verlassen.

Das alles sind faschistische Tendenzen, aber es macht trotzdem einen Unterschied, ob diese zugleich allgemeine Entwicklungstendenz der Gesellschaft sind. Zumindest ist eine solche Bestimmung eine hoch anspruchsvolle Angelegenheit, über die sich mindestens 150 Jahre lang die marxistische Theorie den Kopf zerbrochen hat – unter anderem auch gegen den Widerstand bürgerlicher Wissenschaft, die eine solche Möglichkeit, die überkomplexe soziale Realität auf einen Begriff zu reduzieren, stets bestritten hat. Für derlei Haarspalterei bleibt in der Dringlichkeit der Gegenwart anscheinend aber keine Zeit mehr.

Man könnte meinen, wer jetzt nicht von Faschismus sprechen will, sollte am besten ganz schweigen. Das trifft den moralischen Nerv empörten Bürgertums, das verleiht den Nimbus mutiger Wahrheitsverkündung, setzt starke Signale und erleichtert die Ohnmachtsgefühle. Aber es ändert nichts am dringenden Problem: Wer vom Faschismus reden will, kann vom Kapitalismus – also den wirklichen gesellschaftlichen Verhältnissen – nicht schweigen.

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