Hochglanzblockbuster

Freitags Wochentipp: die ARD-Serie »Charité«

  • Jan Freitag
  • Lesedauer: 3 Min.

Schwer zu sagen, was am Hype um das BBC-Video, in dem ein Politikprofessor bei der Live-Schalte ins heimische Arbeitszimmer eher mit seinen Kindern als dem Gesprächsthema zu tun hat, bemerkenswerter ist: Dass es nach Abermillionen Klicks sogar eine Pressekonferenz mit der gesamten Familie nebst Aufklärungsvideo nach sich zog? Dass ihr natürlich die übliche Erregungsmaschine inklusive Shitstorm (Gewalt! Fake!! Rassismus!!! Und überhaupt!!!!) vorausging? Dass auch wir an dieser Stelle da mitmachen? Oder vielleicht doch, wie schön es in der Flut drastischer News von islamistisch über populistisch bis rechtsradikal ist, mal wieder was Belangloses wie das hier zu verbreiten?

Von allem etwas, vermutlich. Weil letzteres aber einfach schöner ist als die ewigen Horrormeldungen von der Lügenfront (an der Justizminister Maas nun endlich mit schwerem Geschütz des Strafgesetzbuchs aufrüstet), setzen wir die Liste schöner Irrelevanz hier kurz mal fort: Matthias Schweighöfer ist jetzt also ein Amazon-Star und tut in »You Are Wanted« das einzige, was er kann, nämlich niemandem mit seiner Nettigkeit wehzutun. Von »Big Bang Theory« entsteht demnächst ein Prequel aus der Kindheit eines dieser liebenswert lustigen Nerds. Sibel Kekilli beendet ihr »Tatort«-Gastspiel, um auf der Erfolgswelle von »Game of Thrones« in die Welt zu reiten.

Und dann wäre da noch die Frage, wer denn bloß Guido Westerwelle spielen soll, wenn sein »Lebensbuch«, wie vom Großchronisten deutscher Zeitgeschichtsbefindlichkeiten (Nico Hofmann) verkündet, demnächst verfilmt wird? Heino Ferch? Ulrich Noethen? Heino Ferch? Ken Duken? Oder vielleicht Heino Ferch? Wir sind gespannt! Und zwar ausdrücklich auch auf das lang ersehnte Stück Zeitgeschichtsbefindlichkeit, dem sich ab Dienstag kein Geringerer als Sönke Wortmann widmet. Nachdem der Regisseur bereits mehrfach das Nationalheilmittel Fußball filmisch verabreicht hat, lässt er nun einen Ort auferstehen, an dem der Begriff Heilen einst sehr merkwürdig ausgelegt wurde: die Berliner Charité.

Wortmanns Hochglanzblockbuster spielt nämlich im Dreikaiserjahr 1888, in dem mit Robert Koch (Justus von Dohnányi), Emil Behring (Matthias Koeberlin) und Paul Ehrlich (Christoph Bach) zwar gleich drei künftige Medizinnobelpreisträger unterm Klinikchef Rudolf Virchow (Ernst Stötzner) tätig waren. Jedoch in einem Umfeld, das die Menschen seinerzeit mehr krank als gesund machte. Natürlich geht es im opulent ausgestatteten Historytainment dieser Art auch um ein (fiktives) Mädchen (Alicia von Rittberg) zwischen zwei (tollen) Männern. Im Zentrum steht aber der medizinische Epochenwechsel in politisch spannender Zeit. An einem Ort, den Wortmann nach dem Drehbuch der vielfach preisgekrönten Dorothée Schön und sehr stimmig zwischen hygienischer Hölle und wissenschaftlichem Aufbruch skizziert. Wenn man beiseite lässt, dass »Charité« dank dreier Doppelfolgen eigentlich ein Mehrteiler ist, könnte man sagen: Serie gelungen, Patient meist tot.

ARD, ab 21. März, 20.15 Uhr

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