Frieden ist nur ein anderes Wort für Reformstau

Überall schallt es von den Dächern: Der Frieden ist ein langweiliges Luxusgut

Die haben es nicht so richtig verstanden mit dem Frieden als »eine Periode des Betrugs zwischen zwei Perioden des Kampfes«.
Die haben es nicht so richtig verstanden mit dem Frieden als »eine Periode des Betrugs zwischen zwei Perioden des Kampfes«.

Ich bin mir nicht sicher, ob in einer besseren Zukunft nicht die träge und unerträglich fade Zeit des »Friedens«, in der die Bevölkerung mutlos und gelangweilt vor sich hinwerkelt, zum Ende kommen sollte.

Sicher ist jedenfalls: Nun, wo Deutschland stolz und erhobenen Hauptes Zeiten erhöhter Wehrfähigkeit entgegenschreitet, wird es Zeit für ein längst überfälliges Bekenntnis meinerseits, das mir alles andere als leicht fällt: Ich habe einst Verrat an Deutschland geübt. Anders gesagt: Ich war einmal Zivildienstleistender.

Doch damit nicht genug. Schlimmer noch: Im Grunde wollte ich meinem sogenannten Vaterland nicht nur nicht mit der Waffe dienen, ich wollte ihm eigentlich überhaupt nicht dienen, da ich der exotischen Ansicht zuneigte, dass die Idee eines »Vaterlandes« grundsätzlich ein – milde formuliert – überholtes, ja geradezu steinzeitliches Konzept sei: Dass die eine Rotte aus tumbem Stolz auf das angestammte Drecksloch, in dem sie haust, die mit ihr konkurrierende Rotte, die widerrechtlich Anspruch auf dieses Drecksloch anmeldet, niederzumetzeln habe, um »Gerechtigkeit« herzustellen, wollte mir seinerzeit nicht einleuchten. Ich war, in meiner Adoleszenz, noch weit davon entfernt zu begreifen, dass der sogenannte Frieden die triste heldenlose Zeit ist, in der die Leute ihren stumpfsinnigen Alltagsgeschäften nachgehen und sonntags freudlos ihren Braten fressen, also nichts weiter als »eine Periode des Betrugs zwischen zwei Perioden des Kampfes«, wie der Schriftsteller Ambrose Bierce einmal hellsichtig schrieb. Ich war naiv und dumm.

Als junger Mensch, als linker gar, war ich empfänglich für allerlei Einflüsterungen suspekter rübezahlbärtiger Gestalten, die dicke, schwer verständliche Bücher lasen, »ohne Waffen Frieden schaffen« wollten oder ernsthaft glaubten, der Feind ließe sich aufhalten, indem man ihm mit Buchstaben bemalte Bettlaken entgegenhält.

Ich gehörte zu jenen Verblendeten, die nicht begriffen hatten, dass der Russe, wenn er eines Tages mit einem Messer zwischen den Zähnen vor meiner Wohnungstür stehen wird, nicht durch das weihevolle Aufsagen eines Erich-Fried-Gedichts verschwinden wird und dass »Aufrüstung« nur ein anderes Wort ist für »Sicherheit«.

Zu meiner Entschuldigung kann ich vorbringen: Damals, in der Bundesrepublik der späten 80er Jahre, hat man sich keine allzu große Mühe gegeben, mich erschöpfend darüber zu unterrichten, wen oder was ich da eigentlich »verteidigen« sollte. Zwar wurde von der »Freiheit« und der »Demokratie« geredet, doch das schienen mir Worthülsen zu sein. Schließlich hatte der Deutsche weder für das eine noch für das andere besonderes Interesse gezeigt, bis ihm beides von den Alliierten geschenkt wurde. Tatsächlich handelte es sich bei der freiheitlich-demokratischen BRD um ein trübseliges, kartoffeliges Land voller Altnazis, humorloser Streber und verkniffener, genussfeindlicher Hausmeisterfiguren, das zwei Weltkriege und einen Holocaust veranstaltet hatte und dessen politisches Personal keinerlei Anstalten machte, seine Schamlosigkeit zu verbergen. Die »Freiheit« war die Freiheit, zwischen sieben Waschmittelsorten und 13 Fernsehprogrammen zu wählen, und das Maß an »Demokratie« war so peinlich genau austariert, dass man die Ketten nicht spürte, solange man die Macht der Stechuhr respektierte und keine dummen Fragen stellte.

Die gute Kolumne

Thomas Blum ist grundsätzlich nicht einverstanden mit der herrschenden sogenannten Realität. Vorerst wird er sie nicht ändern können, aber er kann sie zurechtweisen, sie ermahnen oder ihr, wenn es nötig wird, auch mal eins überziehen. Damit das Schlechte den Rückzug antritt. Wir sind mit seinem Kampf gegen die Realität solidarisch. Daher erscheint fortan montags an dieser Stelle »Die gute Kolumne«. Nur die beste Qualität für die besten Leser*innen! Die gesammelten Texte sind zu finden unter: dasnd.de/diegute

»Demokratie ist die Freiheit, an der Ampel bei Rot stehenbleiben zu dürfen«, erklärte mir damals, in den 80ern, mein Geschichtslehrer, ein überzeugter Sozialdemokrat und Mann der Mitte, und ich war zu renitent in meinem postpubertären anarchopazifistischen Wahn und zu vernagelt, um die Tiefe dieser Weisheit zu erfassen. Dass sein irgendwie habermasgestählt wirkender Satz natürlich als Loblied auf die hiesige Gesellschaftsform und die Schönheit ihres Regelsystems zu verstehen war, begriff ich erst vor einiger Zeit.

Die Bevölkerung des einst so trübselig-kartoffeligen Landes ist heute mit Verstand gesegnet und voller Liebe und Mitmenschlichkeit. Aus der Shoah und den Weltkriegen hat sie Lehren gezogen, und die von ihr gewählten Politiker sind weise, aufrichtig, tugendhaft und um das Wohl aller besorgt. Demokratie und Freiheit sind heute keine leeren Floskeln mehr. Daher sehe ich heute vieles anders. Ich habe dazugelernt: Meine einstmaligen kindischen Vorbehalte gegen die Verteidigung »unserer Werte« und mein infantiler Flirt mit dem Pazifismus waren die Folgen einer Verirrung. »Frieden« ist nur ein beschönigender Begriff für Reformstau.

Wenn ich’s mir recht überlege, habe ich früh einen Sinn fürs Militärische entwickelt, sogar bereits in seligen Kindheitstagen: Die Freiheit des Westens habe ich, sei’s auch nur mit Spielfiguren aus Plastik, schon erfolgreich auf dem Teppichboden des elterlichen Wohnzimmers verteidigt, wo die Blauröcke unter größten Mühen die Segnungen der Zivilisation in die rückständigen Regionen der Rothäute brachten.

Und wenn mir einmal besonders patriotisch und zivilisatorisch zumute war, nahm ich, in Ermangelung einer Offiziersmütze, den Teekannenwärmer meiner Eltern aus der Küchenschublade, setzte ihn mir auf den Kopf und fühlte mich wie Clausewitz und Friedrich der Große zusammen. Hätte nur noch gefehlt, dass ich dazu die patriotischen Verse unseres beliebten Heimatdichters Wiglaf Droste gesungen hätte, doch die waren seinerzeit leider noch nicht geschrieben: »Die andre Wange jesusmäßig hinhalten / ist Quatsch mit Soße. / In seine Feinde soll man Löcher machen / und zwar große.«

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