- Kultur
- Buchmesse Leipzig
»Die Bürste ist voll mit Haar ...«
Tom Malmquist erzählt eine ergreifende Liebesgeschichte
Wenn es je eines Beleges bedurft hätte dafür, dass das ganze Leben im Grunde nur aus Vergangenheit besteht, so ist er hier zu finden. Malmquist schildert die tragische Geschichte eines Verlustes und konzentriert sich dabei im Wesentlichen auf das letzte Jahr vor diesem Verlust. Oder, noch enger, auf die letzten Wochen im Krankenhaus bis zum »Exitus um 06.31.«
Tom Malmquist: In jedem Augenblick unseres Lebens. Roman. A. d. Schwed. v. Gisela Kosubek.
Klett-Cotta. 300 S., geb., 20 €.
Tom und seine Lebensgefährtin Karin sind beide Schriftsteller und haben den »Traum, ein ökonomisch unabhängiges Dichterpaar zu werden.« Karins plötzliche Leukämie-Erkrankung zerstört diesen Traum. Sie wird hochschwanger ins Krankenhaus eingewiesen und wird es nicht mehr verlassen. Das Kind kann durch einen Kaiserschnitt gerettet werden, Karin stirbt.
Damit ist eigentlich schon die komplette Handlung des Buches wiedergegeben. Wesentlich aber ist hier die Reflexion, der Blick in die Vergangenheit aus einer Gegenwart, die schon einen Augenblick später selbst Vergangenheit sein wird. Seine Trauerarbeit lässt Tom in ein Buch fließen, das er nach Karins Tod zu schreiben beginnt und in dem er, zum Beispiel, der Mutter von der Entwicklung des Kindes »berichtet« und von den vielen Kleinigkeiten, mit denen sein und der Alltag des Kindes nur so gespickt ist. Weil Tom und Karin nur »gefühlt«, nicht aber auch auf dem Papier verheiratet waren, muss er sich des Kindes wegen mit allerhand bürokratischem Unfug herumschlagen (Kafka lässt grüßen!). Es sind, wie so oft, die kleinen und unscheinbaren Dinge, die im Rückblick eine Bedeutung erlangen, die ihnen im »normalen« Alltag niemals zugekommen wären. So, wenn Tom die Haarbürste der verstorbenen Frau betrachtet: »Die Bürste ist voll mit Haar, ich rieche daran, drücke es an die Lippen.«
Die Schmerzen der Erinnerung werden freilich übermächtig. Tom verbannt sämtliche Fotos von Karin, mit denen er die Wände zunächst dekoriert hatte, aus seinem Blickfeld und lässt nur das eine übrig, auf dem sie nicht in die Kamera blickt: »Ich kann ihr nicht mehr in die Augen sehen.«
Dem Erzählstil ist eine gewisse Atemlosigkeit eigen, die der Situation mehr als angemessen ist, die aber dem Leser auch höchste Konzentration abverlangt. Das umso mehr, als zu Malmquists Stilmitteln auch bisweilen recht verwegene Gedankensprünge gehören.
Eine Liebesgeschichte von seltener Glaubwürdigkeit: Eben deshalb, weil sie nicht nur strahlende Äuglein beschreibt, sondern auch Konflikte nicht ausspart.
Das »nd« bleibt. Dank Ihnen.
Die nd.Genossenschaft gehört unseren Leser*innen und Autor*innen. Mit der Genossenschaft garantieren wir die Unabhängigkeit unserer Redaktion und versuchen, allen unsere Texte zugänglich zu machen – auch wenn sie kein Geld haben, unsere Arbeit mitzufinanzieren.
Wir haben aus Überzeugung keine harte Paywall auf der Website. Das heißt aber auch, dass wir alle, die einen Beitrag leisten können, immer wieder darum bitten müssen, unseren Journalismus von links mitzufinanzieren. Das kostet Nerven, und zwar nicht nur unseren Leser*innen, auch unseren Autor*innen wird das ab und zu zu viel.
Dennoch: Nur zusammen können wir linke Standpunkte verteidigen!
Mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin:
→ Unabhängige und kritische Berichterstattung bieten.
→ Themen abdecken, die anderswo übersehen werden.
→ Eine Plattform für vielfältige und marginalisierte Stimmen schaffen.
→ Gegen Falschinformationen und Hassrede anschreiben.
→ Gesellschaftliche Debatten von links begleiten und vertiefen.
Seien Sie ein Teil der solidarischen Finanzierung und unterstützen Sie das »nd« mit einem Beitrag Ihrer Wahl. Gemeinsam können wir eine Medienlandschaft schaffen, die unabhängig, kritisch und zugänglich für alle ist.