Hauptsache innovativ

Hochschulwettbewerb D-bü

  • Antje Rößler
  • Lesedauer: 3 Min.

»Außergewöhnliche Aufführungen an ungewöhnlichen Orten« verspricht der neue Hochschulwettbewerb D-bü, der seit Freitag in verschiedenen Berliner Locations läuft. Konzerthaus-Intendant Sebastian Nordmann, künstlerischer Leiter des Wettbewerbs, hat die Originalität zum wichtigsten Zulassungskriterium für die studentischen Projekte erhoben. Die Bandbreite ist entsprechend groß: vom Einbezug neuer Medien über szenische Konzerte bis zu ungewöhnlichen Raumkonzepten.

Verspielt-fantasievoll wirkte der Eröffnungsbeitrag »Madame Lenin« der Freiburger Musikhochschule, der im Hamburger Bahnhof über die Bühne ging. Ein »musiktheatrales Ritual« war angekündigt, auf Grundlage eines Romans des russischen Futuristen Welimir Chlebnikow. Im Mittelpunkt steht Madame Lenin, Insassin einer psychiatrischen Anstalt. Statt einer Handlung erlebt der Besucher eine Reise in das Innenleben der Patienten. Mal wird mit einer kleinen Lenin-Statue gewedelt, während zackige Sowjetpropaganda erklingt, dann wieder hüllen sich die Darsteller in große Tücher, um ein religiöses Ritual zu zelebrieren. Vier Sänger und ein eher konventionell musizierendes Streichquartett sind zugange. Für den Abschluss hat der Kompositionsstudent Clemens K. Thomas ein groteskes und zugleich zartes Trio für Harfe, Gitarre und Blumentöpfe geschrieben. Insgesamt bringen die Studenten jedoch so viele Themen und Anspielungen ein, dass die Aufführung am Ende verkopft und beliebig wirkt.

Bei D-bü ist manches anders als sonst bei Wettbewerben: Statt Konkurrenzgefühle zu hegen, geht es um Austausch, was dadurch begünstigt wird, dass alle Teilnehmer im selben Hotel wohnen. Ungewöhnlich ist zudem, dass auch die Jury aus Studenten besteht.

Aus Mannheim reiste eine Studentengruppe zusammen mit dem österreichischen Popliteraten Christoph W. Bauer an. Der sitzt bei der Aufführung von »Gesänge des Daseins« im Konzerthaus zwar leibhaftig auf dem Podium. Vor allem aber rezitiert er seine Texte, die meist vom Leid in zwischenmenschlichen Beziehungen handeln, von der Videoleinwand. Auch elektroakustische Samples und visuelle Farbgewitter kommen zum Einsatz. Ein kammermusikalisches Ensemble mit Klarinette, Cello und Posaune bietet mal poetische Klangteppiche, mal repetitive Club-Sounds. Begeisterung entfacht die eindringlich und höchst intonationssicher singende Sopranistin Alina Wunderlin.

Gemeinsam ist den D-bü-Beiträgen die Abkehr von traditionellen Konzertformaten. Umso höher ist der Stellenwert von Interaktion, Stilmix sowie der visuellen und szenischen Dimension. Es ist wohl die multitaskingfähige Smartphone-Generation, die da das Konzertleben erobert. Wer sich bisher beim herkömmlichen Beethoven-Quartettabend nicht gelangweilt hat, wird womöglich an Reizüberflutung leiden.

Eine Visualisierung ist auch zentraler Bestandteil der Steve-Reich-Performance, die Weimarer Studenten an diesem Dienstag im Club Gretchen aufführen. Es erklingt Reichs Grammy-preisgekröntes Stück »Different Trains«, das den Transport der Juden in die Vernichtungslager zum Thema hat. Das D-bü-Abschlusskonzert mit der Ernennung der Preisträger findet dann am Mittwoch im Boulez-Saal statt.

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