- Kultur
- Buchmesse Leipzig
Die Tauben und die Politik
Katharina Grossmann-Hensel stellt sich Erwachsene als Kinder vor
Alle Erwachsenen waren mal Kinder? Kaum zu glauben. Nehmen wir nur mal den Herrn Werner aus unserem Haus. Der erzählt nie etwas von früher und kann Kinder nicht leiden. Trifft er sie, brüllt er. Sie sind ihm zu laut, er selbst darf das sein.
• Katharina Grossmann- Hensel: Als ich ein Kind war so wie du.
Annette Betz Verlag, 32 S., geb., 14,95 €.
Vielleicht ist er ja niemals klein gewesen und konnte sich folglich nicht ausschreien. Ist schon als ein Herr Werner geboren worden. Passte nie in einen Kinderwagen. War zu groß für Schaukel und Steckenpferd und musste als Mann mit Anzug und Krawatte neben einer Schultüte posieren. Da kann man schon verstehen, wie so einer grimmig wird. Was ist ihm ohne diese herrliche Kinderzeit alles entgangen!
Meine Mama konnte als Kind die Sprache der Tiere verstehen. Hunde quatschen viel vom Essen, hat sie berichtet. Und Katzen würden sich andauernd über das Wetter beschweren, während sich Tauben für Politik und Wahlen begeistern. Wenn das nicht spannend ist. War mein Mütterlein nicht zu Hause, haben sich ihre Spielsachen übrigens auch ohne sie weiter vergnügt. Davon ist sie überzeugt.
Und dann hatte sie noch eine unsichtbare Freundin, die sie immer beschützte. Wie ein blaues, freundliches Gespenst sitzt sie hinter der Mutter auf der Parkbank, während davor ein kleiner Hahn mit einem Victory-Zeichen vorbeimarschiert. Schließlich sollen auch die Vorleserinnen und Vorleser im vorgerückten Alter etwas zu schmunzeln haben. Jetzt, wo Mama erwachsen ist und selbst ein Kind erzieht, habe sich die blaue Beschützerin aus dem Staub gemacht.
Katharina Grossmann-Hensel kann unmöglich selbst viel älter als vier oder fünf oder höchstens sechs Jahre sein - so unbedarft-spielerisch und augenzwinkernd, wie sie in Wort und Bild die kindliche Gedankenwolle zu feinen Geschichtenfäden spinnt. Wie wohl der Großvater, die Mutter, der Herr Werner oder der Karl wirklich gewesen sind, als sie selbst klein waren? Kann das wirklich wahr sein, was sie darüber erzählen?
Hat die Großmutter tatsächlich immer ihr Zimmer aufgeräumt; angezogen, was sie sollte; gegessen, was auf den Tisch kam? Ist sie abends immer schnell eingeschlafen? Hat die Welt jemals von so einem Kind gehört?
Wenigstens flunkern die Bilder in diesem Buch nicht so schamlos wie die Erinnerungen selbst. Grossmann-Hensels Illustrationen zeigen, wie wild es in Omas Zimmer zugegangen ist. Man sieht, wie sie, statt friedlich in ihrem Bettchen zu liegen, darauf herumspringt wie auf einem Trampolin.
Und die Geschwister des Großvaters, haben sie sich beim Essen etwa gesittet benommen? Blättert mal ein paar Seiten weiter, dann werdet ihr sehen, was sie taten. Saßen neben der Suppenterrine auf dem Tisch und löffelten direkt daraus. Glaubt den Erwachsenen kein Wort, wenn sie von früher sprechen!
Das »nd« bleibt. Dank Ihnen.
Die nd.Genossenschaft gehört unseren Leser*innen und Autor*innen. Mit der Genossenschaft garantieren wir die Unabhängigkeit unserer Redaktion und versuchen, allen unsere Texte zugänglich zu machen – auch wenn sie kein Geld haben, unsere Arbeit mitzufinanzieren.
Wir haben aus Überzeugung keine harte Paywall auf der Website. Das heißt aber auch, dass wir alle, die einen Beitrag leisten können, immer wieder darum bitten müssen, unseren Journalismus von links mitzufinanzieren. Das kostet Nerven, und zwar nicht nur unseren Leser*innen, auch unseren Autor*innen wird das ab und zu zu viel.
Dennoch: Nur zusammen können wir linke Standpunkte verteidigen!
Mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin:
→ Unabhängige und kritische Berichterstattung bieten.
→ Themen abdecken, die anderswo übersehen werden.
→ Eine Plattform für vielfältige und marginalisierte Stimmen schaffen.
→ Gegen Falschinformationen und Hassrede anschreiben.
→ Gesellschaftliche Debatten von links begleiten und vertiefen.
Seien Sie ein Teil der solidarischen Finanzierung und unterstützen Sie das »nd« mit einem Beitrag Ihrer Wahl. Gemeinsam können wir eine Medienlandschaft schaffen, die unabhängig, kritisch und zugänglich für alle ist.