Testlabor mit Biber

Das Biosphärenreservat an der mittleren Elbe besteht seit 40 Jahren

  • Hendrik Lasch
  • Lesedauer: 4 Min.

Wer die Elbe in Ost- und Norddeutschland wirklich schätzen will, der sollte ihren Oberlauf in Tschechien besuchen - oder den Rhein. Ersterer ist durch fast 30 Staustufen gebremst und wirkt wie ein einziger lang gezogener Stausee; letzterer ist in ein enges Korsett gezwängt und kanalisiert. Die Elbe dagegen gilt in ihrem Mittel- und Unterlauf als einer der letzten frei fließenden Flüsse in Europa. Teilweise gesäumt von weißen Sandstränden, strömt sie breit und ungehindert dahin - eine Art »deutscher Amazonas«, wie es in einem Werbevideo mit einem Anflug von Pathos heißt.

Dass der Fluss in einem solch relativ naturnahen Zustand ist und zudem auch wertvolle Auenwälder an seinen Ufern erhalten sind, verdankt er nicht zuletzt einer wegweisenden Entscheidung vor 40 Jahren. Am 24. November 1979 wurde der Steckby-Lödderitzer Forst, zeitgleich mit dem Vessertal in Thüringen, als Biosphärenreservat der UNESCO, der UNO-Organisation für Erziehung, Wissenschaft und Kultur, anerkannt. Es waren die ersten derartigen Schutzgebiete in einem der damals noch zwei deutschen Staaten. Der DDR sei an internationalem Prestige gelegen gewesen, mutmaßte Claudia Dalbert, die grüne Umweltministerin von Sachsen-Anhalt, bei einer Festveranstaltung in Wörlitz; darüber hinaus habe die Entscheidung aber auch »für den Naturschutz unschätzbaren Wert« gehabt.

Biosphärenreservate sollen großräumige bestimmte Landschaftsformen schützen, gleichzeitig aber beispielhaft zeigen, wie ihre schonende und naturverträgliche Nutzung durch den Menschen aussehen könnte. Sie seien »Modellregionen für nachhaltige Entwicklung«, sagt Maria Böhmer, Präsidentin der deutschen UNESCO-Kommission - quasi Testlabore für die friedliche Koexistenz von Mensch und Natur. Grundlage ist das im Jahr 1970 beschlossene UNESCO-Programm »Mensch und Biosphäre«, das erstmals in einem strategischen Ansatz den Schutz wie die Nutzung von Landschaften in Einklang zu bringen suchte. Heute gibt es weltweit 701 Biosphärenreservate, davon 17 in der Bundesrepublik. Diese umfassen zwei Millionen Hektar, 3,7 Prozent der Fläche Deutschlands. Zu den jüngsten gehört der Drömling, ein Niedermoorgebiet in Sachsen-Anhalt und Niedersachsen, das den Schutzstatus erst dieses Jahr erhielt.

An der Mittelelbe verfügt man dagegen über weitaus längere Erfahrung - in einem Gebiet, das seit 1979 stetig gewachsen ist. 1987 wurde der Status auf das Dessau-Wörlitzer Gartenreich ausgedehnt, in dem Landesfürsten wie Leopold III. Friedrich Franz schon im 18. Jahrhundert versuchten, einen harmonischen Ausgleich zwischen Erhalt der landschaftlichen Schönheit und deren menschlicher Nutzung zu schaffen. Mit der bisher letzten Erweiterung 1997 erstreckt sich das Biosphärenreservat, das inzwischen als »Flusslandschaft Elbe« bezeichnet wird, über fast 3000 Quadratkilometer in fünf Bundesländern.

Zu den markantesten Belegen für einen erfolgreichen Landschaftsschutz an der mittleren Elbe zählt der Biber. Dessen Bestand war zwischenzeitlich auf unter 200 Exemplare geschrumpft; heute leben über 3000 Tiere allein in Sachsen-Anhalt; zudem sind sie laut Böhmer »Exportschlager«. Wichtiger als der Erhalt einzelner Tier- oder Pflanzenarten ist aber der komplexer Landschaftsformen wie der Hartholz-Auenwälder. Zwar sind deren größte Bestände in Deutschland noch immer an der Elbe zu finden; die intensive landwirtschaftliche Nutzung und vor allem der Hochwasserschutz aber sorgten für Konflikte. Die Deiche, von denen die Elbe nahezu nahtlos gesäumt ist, verhindern, dass Flächen regelmäßig überflutet werden - was für die Auenwälder aber überlebensnotwendig ist.

In mehreren Modellprojekten wurde gezeigt, wie sich die Nutzungskonflikte an einem großen Fluss lösen lassen, etwa durch die Rückverlegung von Deichen. Das größte derartige Projekt wurde 2018 im Lödderitzer Forst abgeschlossen. Auf einer Fläche von 600 Hektar kann der Wald jetzt wieder regelmäßig überspült werden. Voraussetzung ist freilich, dass die Elbe ausreichend Wasser führt. Das aber ist in Zeiten des Klimawandels wegen fehlender Niederschläge immer seltener der Fall. Zugleich gräbt sich der Fluss immer tiefer in sein Bett ein. Diese »Sohlerosion« zu bremsen, werde in Zukunft zu den wichtigsten Aufgaben an der Elbe gehören, sagt Iris Brunar vom Naturschutzbund BUND. Sonst sieht es auch für die Wälder am »deutschen Amazonas« düster aus.

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