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Ein komplizierter Flickenteppich
Das deutsche Bildungssystem erweist sich im internationalen Vergleich als schwerfällig und reformbedürftig
Es gibt Weichen, die in der deutschen Bildungspolitik anders gestellt worden sind. Deshalb schneidet das Land bei internationalen Lernstandserhebungen seit Jahren nur mittelmäßig ab. Zuletzt rutschte Deutschland im Pisa-Vergleich der OECD sogar noch weiter ab.
Woran es in Deutschland hapert, darüber gibt eine Studie der Rosa-Luxemburg-Stiftung (RLS) Auskunft, die Bildungssysteme von vier Ländern miteinander verglichen hat. Finnland und Estland, die in den vergangenen Jahren in den Pisa-Studien erfolgreich abgeschnitten haben, sowie Deutschland und Spanien, die im Mittelfeld des Vergleichs waren. Festmachen lässt sich das mäßige Abschneiden Deutschlands an der fehlenden Chancengleichheit, die zwar von jeder Regierung als Ziel ausgegeben wird, tatsächlich hängt aber der Bildungserfolg weiterhin maßgeblich von der Herkunft ab. Wer nur wenig Unterstützung aus dem Elternhaus erfährt, hat es deutlich schwieriger in der Schule.
Um die Bildungschancen signifikant zu verbessern, bedarf es vieler Schritte. Eine ausreichende Finanzierung sei zwar wichtig, erklärte Katrin Schäfgen, Referentin für Bildungspolitik bei der RLS, bei der Vorstellung der RLS-Studie am Mittwoch. Aber »Geld allein macht noch keine gute Bildung aus«. Estland gab im vergangenen Jahr 4,2 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts (BIP) für Bildung aus. Spanien, das bei den Lernstandserhebungen regelmäßig schlechter abschneidet, dagegen 4,6 Prozent. In Deutschland variieren die Ausgaben in den Bundesländern beträchtlich und gleichen einem Flickenteppich. In der Summe liegen Ausgaben unter dem OECD-Durchschnitt und betrugen im vergangenen Jahr 4,0 Prozent des BIP.
Dabei waren die Pläne ganz andere. Auf dem Bildungsgipfel 2008 versprach die damalige Kanzlerin Angela Merkel (CDU) eine Erhöhung der Bildungsausgaben auf sieben Prozent des BIP bis 2015. Diese Zusage wurde nicht eingehalten. Das Resultat ist hinlänglich bekannt. Allein bei den Schulgebäuden gibt es bauliche Mängel, die die staatliche KfW-Bank mit 54,8 Milliarden Euro beziffert. Zudem fehlen Tausende Lehrkräfte und Erzieherinnen in Kitas. »Seit Jahren treten wir bei der Bildungspolitik auf der Stelle«, sagte Nicole Gohlke, Bildungsexpertin der Linksfraktion im Bundestag, bei der Vorstellung der Studie.
Doch wenn Geld nicht allein ausschlaggebend für die Bildungserfolge in den jeweiligen Ländern ist, was dann? Erklärungsansätze lassen sich bei der Struktur der Schulsysteme finden: In Estland und Finnland gehen die Schüler neun Jahre zusammen zur Schule, erst danach trennen sich die Bildungswege in einen beruflichen und einen akademischen Abschluss. In Spanien lernen die Kinder sechs Jahre gemeinsam. In Deutschland dagegen dauert die Grundschulzeit in den meisten Ländern lediglich vier Jahre. Nur in Berlin und Brandenburg gibt es die sechsjährige Grundschule. Eine Untersuchung des Ifo-Instituts hat kürzlich ergeben, dass eine längere gemeinsame Grundschulzeit zu mehr Chancengleichheit führt. Davon profitierten vor allem Schüler, die keinen Bonus durch das Elternhaus haben.
Auch Privatschulen spielen in der Bildungslandschaft in Deutschland eine zunehmende Rolle, inzwischen wird fast jedes zehnte Kind in einer nicht staatlichen Einrichtung unterrichtet. Zwar darf laut Grundgesetz die Schülerschaft nicht nach Besitzstand ihrer Eltern ausgesucht werden. Von den Bundesländern werde dies allerdings nicht hinreichend überprüft, bemängelte Schäfgen. Denn in der Regel wird dort ein Schulgeld bezahlt, sodass es doch eine Auslese gebe. Anders verhält es sich in Finnland und Estland, wo es so gut wie keine privaten Schulen gibt.
Beide Länder weisen überdies einen weiteren strukturellen Unterschied zu Deutschland auf: Dort gibt der Staat den Lehrplan vor, und die Schulen haben viel Autonomie bei der Umsetzung der vorgegebenen Ziele. In Deutschland werden die Inhalte dagegen von den Ländern bestimmt. Auch in Spanien haben die Provinzregierungen ein starkes Gewicht in der Bildungspolitik, mit dem Ergebnis, dass es dort ähnlich wie in Deutschland große regionale Unterschiede bei der Qualität der Bildung gibt. Im reichen Katalonien und rund um die Hauptstadtregion Madrid sind die Schulen der Studie zufolge deutlich besser aufgestellt als in vielen ländlichen Regionen. Auch in Deutschland gibt es regionale Unterschiede – obwohl der Länderfinanzausgleich eigentlich für gleichwertige Lebensverhältnisse sorgen soll: Die Ausgaben pro Schulkind variieren beträchtlich – sie betrugen 2021 in Berlin 13 300 Euro in Mecklenburg-Vorpommern dagegen 8200 Euro.
Schäfgen empfiehlt angesichts der sehr unterschiedlichen Ausgangssituationen für die Schulen, den Bund wieder vermehrt in die Verantwortung zu nehmen. Mit der Föderalismusreform von 2008 existiere de facto ein Kooperationsverbot. Das sollte den Ländern die Hoheit über die Bildung garantieren, habe sich aber als kontraproduktiv erwiesen, erläuterte die Bildungsreferentin.
Nicole Gohlke fordert im Hinblick auf die derzeitige Regierungsbildung der Unionsparteien und der SPD einen Kurswechsel in der Bildungspolitik: »Es reicht nicht, auf Bundesebene immer wieder nur Programme und Projekte für Bildung mit beschränkter Laufzeit aufzulegen.« Die mögen zwar für einzelne Einrichtungen etwas bringen, seien aber nicht dazu in der Lage, langfristige Verbesserungen zu erzielen. »Wir müssen wegkommen vom Punktuellen hin zu einer wirklichen umfassenden Strukturreform im Bildungssystem.«
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