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Willkommene Hilfe in Eritrea
Die Berliner Kinderchirurgin und -orthopädin Katja von dem Busche behandelt in dem recht verschlossenen Land Fehlbildungen an Kinderfüßen
Von Eritrea wissen Europäer in der Regel nicht viel. Sudan, Äthiopien und Djibuti sind die Nachbarländer in der Region am Horn von Afrika. 1993 erkämpfte die Eritreische Befreiungsfront die Unabhängigkeit von Äthiopien, seitdem beherrscht Präsident Isaias Afewerki das Land autokratisch, mit einem Ein-Parteien-System. Aktuelle Informationen über die Lage fließen nur spärlich, Wirtschaftsdaten werden von der Regierung nicht veröffentlicht.
Nach Schätzungen gehört das Bruttoinlandsprodukt Eritreas aber zu den niedrigsten der Welt. Jeder zweite Einwohner soll unterhalb der Armutsgrenze leben. Für diese Hälfte der Bevölkerung ist die Gesundheitsversorgung kostenlos. Diese ist aber von fehlenden Ressourcen geprägt. Vor allem mangelt es an medizinischen Fachkräften. Auf 20 000 Einwohner kommt höchstens ein Arzt, andere Angaben gehen von noch weniger Ärzten aus. Im Vergleich: In Deutschland sind es 38 bis 44 Ärzte je 10 000 Einwohner. Diese Situation trägt dazu bei, dass konkrete medizinische Hilfe aus dem Ausland in dem sonst eher verschlossenen Land zugelassen wird und auch erwünscht ist.
Die Aufklärung über das Krankheitsbild zählt zu den Erfolgsfaktoren für eine gute Behandlung.
Zu den wenigen Organisationen, die hier aktiv sind, zählt Archemed. Der eingetragene Verein aus Westfalen wurde 2010 gegründet und leistet mit der Unterstützung Ehrenamtlicher humanitäre Hilfe in Kriegs- und Krisengebieten, wobei Eritrea das Schwerpunktland ist. Hier ist man in verschiedenen pädiatrischen Disziplinen tätig. Neben der Geburtshilfe gibt es mehrere Projekte aus chirurgischen Fächern und auch einige in der Kinderorthopädie.
Das Klumpfußprojekt ist eines davon. Der angeborene Klumpfuß ist die häufigste Fehlbildung im Bereich der Kinderorthopädie. In Europa kommen etwa elf Fälle auf 10 000 Geburten, in Afrika sind es 30, in Polynesien sogar 68. Eine genaue Ursache dieser Fehlstellung ist noch nicht bekannt. Neben einer genetischen Komponente scheint es für Mediziner sicher, dass mehrere äußere Faktoren dazu beitragen. Werden die verkrümmten Füße nach der Geburt nicht behandelt, versteifen sie nach und nach. Das Kind kann nicht richtig gehen lernen und leidet bei Belastung unter Schmerzen. Es kommt zu frühem Gelenkverschleiß, im Erwachsenenalter folgen Schäden am gesamten Skelettsystem.
Im Rahmen des Projekts werden nun Kinder aus ganz Eritrea mit einer schonenden Methode behandelt, die sich in der Medizin im Laufe der letzten Jahrzehnte durchsetzte. Ende des 20. Jahrhunderts wurde noch die operative Therapie bevorzugt, mit dem Nachteil, dass der Fuß danach innerlich und äußerlich stark vernarbte und so steif wurde. Ab der Jahrtausendwende setzte sich dann zunehmend die Methode von Ignacio Ponseti durch. Der spanische Orthopäde setzte auf eine stufenweise, unblutige Repositionierung des Fußes. Ein gepolsterter Gipsverband umschließt Oberschenkel, Knie und Fuß des Kindes. Er wird im Abstand weniger Tage erneuert, nach wenigen Wochen wird er durch spezielle Beinschienen ersetzt, die nachts getragen werden.
In Eritrea ist nach Kenntnis der Berliner Kinderorthopädin- und Kinderchirurgin Katja von dem Busche der Klumpfuß ein weitverbreitetes Krankheitsbild. Hinzu kommt, dass die Ponseti-Methode »standardisiert, somit leicht erlernbar und mit geringem materiellen und medizintechnischen Aufwand verbunden« ist, berichtet die Ärztin. Durch frühere Kooperationen mit Medizinern entstand in Asmara, der Hauptstadt Eritreas, eine Klumpfußambulanz. Hierher werden Kinder aus dem ganzen Land gebracht, was aber auch an die Grenzen des Therapiekonzepts führte. Unter anderem die schlechte Infrastruktur macht es selbst bei vergleichsweise kurzen Entfernungen für die Familien schwierig, bis zu acht Wochen lang die wöchentlich nötigen Gipswechsel zu ermöglichen. Für einen langfristigen Behandlungserfolg müssen die Eltern zudem dafür sorgen, dass die Nachbehandlungsschiene noch über vier Jahre konsequent getragen wird.
So zählt auch die Aufklärung über das Krankheitsbild zu den Erfolgsfaktoren für eine gute Behandlung. Im Archemed-Projekt wurden dazu auch Plakate entwickelt, eritreische Beteiligte schreiben über die Fehlbildung in lokalen Medien.
Für Katja von dem Busche ist jeder Aufenthalt in Eritrea mit vielen Terminen dicht besetzt. Zuletzt besuchte sie das Land im November 2024 zehn Tage lang. In dieser Zeit wurden 60 Patienten mit Fußdeformitäten untersucht und behandelt, sechs kleine Operationen gemeinsam mit eritreischen Kollegen durchgeführt und neue Kollegen hierfür angelernt. Auch in der zweitgrößten Stadt des Landes, in Keren, gab es einen Sprechstundentag. Unter anderem wurden dort mehrere Gipse gemeinsam mit Physiotherapeuten angelegt. Das wurde dann auch in Asmara geübt, und zwar in einem Klumpfußworkshop.
Damit das Projekt nachhaltig Erfolg hat, müssen Behandlung und demografische Daten dokumentiert werden. Auch die Ausbildung von Personal sowie die enge Zusammenarbeit mit den Orthopädietechnikern und Physiotherapeuten vor Ort sind unverzichtbar dafür, dass die Therapien kontinuierlich stattfinden und auch schwierige Fälle in Asmara behandelt werden können.
Ein Projekt von Archemed. Weitere Informationen: www.archemed.org/chirurgie-eritrea/kinderorthopaedie/
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