Pirat oder Saftmischer
Deutschland ist Rekordhalter im Fruchtgetränke-Verbrauch. Am Rhein werden die Produzenten geschult
Geisenheim. Feuerwehrmann, Lokführer oder Pirat – so oder so ähnlich antworten viele Kinder auf die Frage, was sie einmal werden wollen. Den Satz »Wenn ich groß bin, will ich was mit Fruchtsaft machen« hört man eher selten. Doch Richard Treber hat in jedem Jahr rund 50 Schützlinge, die genau diesen Berufswunsch haben. Er ist stellvertretender Schulleiter der Berufsschule Rheingau in Geisenheim (Hessen), der einzigen Schule in Deutschland für die Ausbildung zum Fruchtsafttechniker.
Laser sucht Faulstellen
Zwischen Weinbergen und Obstgärten erlernt sich dieser Beruf besonders gut. Das gemütliche Städtchen Geisenheim im Rheingau hat im Herstellen von Säften und Weinen lange Tradition. Auf dem Stundenplan stehen zum Beispiel Produktionstechnik, Rohstoffkunde und Mikrobiologie. Die Auszubildenden lernen, wie man eine Saftpresse bedient, wie viel Zucker in einen Energy-Drink gehört und mit welchem Wasser die Fruchtschorle am besten schmeckt. Auch Hygiene und Qualitätskontrolle sind wichtig. »Aber wir schauen jetzt nicht nach braunen Stellen. Ob ein Apfel faulig ist, kann auch ein Laser herausfinden. Wir prüfen zum Beispiel den Stärkegehalt. Dann wissen wir, ob wir noch Enzyme hinzufügen müssen«, sagt Daniel, der den Beruf ansonsten im elterlichen Betrieb erlernt.
Den praktischen Teil der Ausbildung machen die insgesamt 150 Schüler in Betrieben in ganz Deutschland und sogar im Ausland. Da gibt es den kleinen Familienbetrieb, der die Säfte nicht herstellt, sondern nur abfüllt, aber auch Marktgiganten wie Coca Cola und Eckes-Granini in Nieder-Olm nahe Mainz. In Großbetrieben sitzen die Auszubildenden oft nur noch an Schaltpulten. »Das sieht aus wie im Atomkraftwerk, sie mischen die Zutaten für Säfte per Knopfdruck. Und in Familienbetrieben schleppen sie noch die Säcke Zucker durch die Gegend und müssen umrühren«, erklärt Treber. Daher sei es Aufgabe der Schule, jedem Azubi das beizubringen, was er in seinem Betrieb nicht lernt.
Die Arbeit macht den Schülern Spaß. »Am besten gefällt mir, dass es so abwechslungsreich ist. Man mischt Säfte, reinigt Tanks, arbeitet im Labor an der Qualitätskontrolle oder denkt sich neue Rezepte für Getränke aus«, sagt Thomas aus Südtirol. Nur eines gefällt ihnen nicht so gut: Die Schichtarbeit.
Um ihre Zukunft machen sich die wenigsten der angehenden Saftmischer Sorgen. Arbeit gibt es genug. Denn nirgendwo auf der Welt wird so viel Fruchtsaft getrunken wie in Deutschland. »37 Liter pro Kopf waren es 2009«, sagt Klaus Heitlinger vom Verband der deutschen Fruchtsaftindustrie.
Bislang kaum Konkurrenz
Die meisten der 42 Azubis im ersten Lehrjahr sind per Zufall auf den Beruf gestoßen. Durch einen Ferien-Job, den Tipp eines Freundes oder einen Betrieb in der Nähe, der noch Auszubildende suchte. Manch einer hat schlicht und einfach nichts anderes gefunden. »Mein Zeugnis war jetzt auch nicht so gut, dass ich mir da groß was raussuchen konnte«, gibt Kai zu. Denn auch wer kein Einserschüler ist, muss bei der Bewerbung um einen Ausbildungsplatz keine Angst vor tausend Absagen haben. Eine große Konkurrenz gibt es nämlich nicht: Fruchtsafttechniker hat sich als Traumberuf eben noch nicht so herumgesprochen.
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