Den richtigen Ton finden
Regisseur Dietrich Brüggemann über Renn, wenn Du kannst
ND: Wie kamen Sie auf das Thema: Sehnsucht eines Behinderten nach normaler Sexualität?
Brüggemann: Die Idee ist uralt. Ich war 1996/1997 Zivi in Regensburg in der individuellen Betreuung von Schwerstbehinderten. Für einen BWL-Studenten war ich so etwas wie dessen Eckermann. Er konnte kaum schreiben und hat mir seine Klausuren diktiert. Er hatte einen echt derben Humor. Erst jetzt habe ich gemerkt, wie viel von seiner Geisteshaltung in dem Film steckt.
Warum gibt es im Film keine Tabus, wenn es in dieser Dreierbeziehung, die auch mit Angst und Unsicherheit belastet ist, um Sex geht?
Das zeigt doch am besten, wobei Menschen behindert sind. Der Mensch ist ein Geisteswesen und Säugetier, er will sich einen Partner geistig erobern und sich ihm körperlich annähern. Daher stand außer Frage, das auch anzusprechen. Mit voller Härte, weil es ja auch ein zentraler Aspekt für Bens innere Zerrissenheit und Quelle seiner bissigen Ironie ist. Wenn das Publikum und ich uns mit Ben identifizieren wollen, gehört das einfach dazu.
Benjamin, der Rollstuhlfahrer im Film, ist voller Frust – oder wie würden Sie ihn charakterisieren?
Er ist sarkastisch und nimmt sich selbst nicht aus. In seinem Reich fühlt er sich wie ein Showmaster, in dem er andere gnadenlos nach einem eigenen Wertesystem beurteilt. Es war sehr wichtig, den richtigen Ton zu finden. Allein dafür habe ich mit Robert Gwisdeck eine Woche geprobt.
Ist »Renn, wenn Du kannst« im Grunde nicht auch eine Familiengeschichte?
Das Thema ist nicht so zentriert wie in »Neun Szenen« (Brüggemanns Episodenfilm von 2006 – d.R.). Aber durchaus: Die drei Hauptfiguren schaffen sich für einige Tage eine Art Ersatzfamilie.
Interview: Katharina Dockhorn
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