Rüssel mit Biss und Automatik

  • Prof. Dr. Ulrich Sedlag, Zoologe
  • Lesedauer: 2 Min.

Für Elefanten ist der Garten zu klein. Es gibt darin aber interessante Rüsseltiere, die in unterschiedlicher Weise ursprünglich zum Beißen und Kauen bestimmte Mundwerkzeuge im Lauf der Evolution in ganz verschiedener Weise zu Rüsseln umgestaltet haben.

Da sind zunächst die Rüsselkäfer, deren Rüssel unter günstigen Aufwachsbedingungen (Haselnüsse oder Eicheln) gar ihre Körperlänge erreicht. Naheliegend wäre die Annahme, dass sie den Rüssel wie die anderen Rüsseltiere zum Saugen benutzen. An der Spitze des Rüssels tragen sie indes einen winzigen Satz von Mundwerkzeugen, die zum Beißen geeignet sind. Damit werden erst Löcher in die noch weichen Haselnüsse oder Eicheln genagt, dann wird per Rüssel ein Ei tief in die Frucht geschoben. Schlucken können sie durch den Rüssel kaum etwas.

Körperlange Rüssel gibt es auch bei anderen Insekten des Gartens. Etwa bei manchen Schmetterlingen, deren Rüssel eine Automatik hat, mit der sie augenblicklich zu einer Spirale aufgerollt werden können. Auch die nicht einziehbaren Rüssel von Wollschwebern, schon im Anflug der Blüte entgegen gestreckt, sind körperlang. Bei diesen und anderen Insekten muss der Nektar wohl weitgehend durch Kapillarwirkung gefördert werden. Menschen jedenfalls könnten vergleichsweise sicher nichts mit einem Trinkhalm oder Schlauch von Körperlänge aufsaugen.

Pelzbienen (Foto: Sedlag) zu fotografieren, ist schwierig, denn sie lassen sich, von Blüte zu Blüte hastend, für jede höchstens zwei Sekunden Zeit. Ob sie so schnell schlürfen können?

Die Anwesenheit von Zikaden und Blattläusen erkennt man oft an Saugflecken. Sie sondern nämlich ein Sekret ab, dass das Chlorophyll um die Einstichstelle zerstört. Sind die Rüssel auch noch so fein, enthalten sie doch zwei Kanäle, die eine Sekretabgabe ermöglichen. Das gilt übrigens auch für die Rüssel von Wanzen.

Fühlbar wird uns das zur Verhinderung der Blutgerinnung von Stechmücken eingespritzte Sekret. Auch die zu den Wanzen gehörenden Rückenschwimmer, die sich in jedem Gartenteich einstellen, können stechen. Bei Stubenfliegen lässt sich leicht beobachten, wie sie mit ihrem Tupfrüssel ein Zuckerkörnchen bearbeiten, wobei die Abgabe von etwas »Spucke« deutlich ist. Einen Tupfrüssel haben auch Schwebfliegen, die damit Nektar aufnehmen. Dass sie sich damit auch Blütenstaub einverleiben können, stellte ich zu meinem Erstaunen fest, als ich den Darm einer präparierten einmal ganz mit Blütenstaub angefüllt fand.

Das »nd« bleibt. Dank Ihnen.

Die nd.Genossenschaft gehört unseren Leser*innen und Autor*innen. Mit der Genossenschaft garantieren wir die Unabhängigkeit unserer Redaktion und versuchen, allen unsere Texte zugänglich zu machen – auch wenn sie kein Geld haben, unsere Arbeit mitzufinanzieren.

Wir haben aus Überzeugung keine harte Paywall auf der Website. Das heißt aber auch, dass wir alle, die einen Beitrag leisten können, immer wieder darum bitten müssen, unseren Journalismus von links mitzufinanzieren. Das kostet Nerven, und zwar nicht nur unseren Leser*innen, auch unseren Autor*innen wird das ab und zu zu viel.

Dennoch: Nur zusammen können wir linke Standpunkte verteidigen!

Mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin:


→ Unabhängige und kritische Berichterstattung bieten.
→ Themen abdecken, die anderswo übersehen werden.
→ Eine Plattform für vielfältige und marginalisierte Stimmen schaffen.
→ Gegen Falschinformationen und Hassrede anschreiben.
→ Gesellschaftliche Debatten von links begleiten und vertiefen.

Seien Sie ein Teil der solidarischen Finanzierung und unterstützen Sie das »nd« mit einem Beitrag Ihrer Wahl. Gemeinsam können wir eine Medienlandschaft schaffen, die unabhängig, kritisch und zugänglich für alle ist.