Frauen am Rand. Geburt einer Puppe

Erste Premiere in der Berliner Staatsopern-»Werkstatt«

  • Irene Constantin
  • Lesedauer: 3 Min.

Wie gut für die Budgets der Operhäuser, dass es hin und wieder Frauen gibt, die irgendwie daneben sind. Die Sängerin Amanda trauert ihrem Diven-Dasein nach und bespricht dies mit dem mottenzerfressenen Prunk-Kostüm Espe; eine andere Dame jammert ihrem verflossenen Liebhaber per Telefon hinterher; eine weitere sucht den abgängigen Gatten einsam im Wald. All das geschieht in tiefster einsamer Diskretion. Männer brauchen für dergleichen einen Hofstaat – siehe Verdi.

Mit gleich zwei in sich verlorenen weiblichen Geschöpfen weihte die Berliner Staatsoper ihre »Werkstatt« im Schillertheater ein. Wo Werkstatt dransteht, ist gegenwärtig vor allem Volksbühnen-Ästhetik drin. Regisseur Michael von zur Mühlen hat Peter Maxwell Davies' »Miss Donnithorne«, die vor 30 Jahren von ihrem Bräutigam am Altar versetzt wurde und darüber die Welt verlor, in einen zimmerhohen Kubus aus Wellpappe gesteckt. Er befindet sich in der Mitte des Raumes, das Publikum sitzt und steht drum herum, blickt auf Bildschirme. Per Live-Kamera ist mitzuerleben, was Miss Donnithorne in diesem Haus so tut. Sie probiert Perücken, attackiert unsichtbare Männer, verletzt sich selbst, gibt sich lasziv oder ganz cool. Vor allem aber singt sie.

Davies komponierte ihr ein kammerorchesterbegleitetes grandioses Solo, ein sopranes Bravourstück, das vom ordinären Seemannslied bis zum hochdramatischen Vergehen jeglichen Schöngesangs nichts ausspart. Hanna Dóra Sturludóttir girrte und jubelte die verzwickten Texte von Randolph Stow, sank tief in die Bruststimme, kreischte in atemlosem Wahn. Zum Schluss verschwindet der Kubus und man erblickt die Arme. Zum verzückten »Ich komme« gebärt Miss Donnithorne eine Babypuppe. Großer Beifall und dazu die Frage, warum man diese Glanzleistung auf miesen Bildschirmen verfolgen musste.

Bei Salvatore Sciarrinos »Infinito Nero« war die Sopranistin Sarah Maria Sun sehr gut zu sehen. Sie hing, von einer soliden Packung Klebeband gehalten, an einer Holztafel wie Jesus am Kreuz. Vorbild für Sciarrinos Mono-Oper ist die spätmittelalterliche Mystikerin Maria Maddalena de'Pazzi. Sie soll eruptionsartig ihre Visionen ausgestoßen haben. Vier Nonnen brauchte sie, um das Gesagte aufzuschreiben, während sie in langes Schweigen verfiel. Sciarrino realisierte vor allem das atmende Schweigen in den Instrumenten des Kammerorchesters. Es dauert, bis die Singstimme ganz leise und monoton ihre Wortkaskaden hervorbringt. Sie wirkt eher schüchtern als in religiös schwärmender Verzückung.

Zwei Schauspieler treiben um die aufgehängte Sängerin herum lustige Blasphemien. Sie wird mit langstieligen Pinseln blau angemalt, die Herren schmücken sich mit Nonnenkostümen und rutschen bittprozessionsmäßig auf Knien durch den Saal, hantieren mit Plastikpenissen und Blumentöpfen. Spaß muss sein, und er ist ja auch unterhaltsam. Am Ende allgemeine Zustimmung auch für die zweite Frau außer der Reihe.

Nächste Vorstellung: heute.

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