Herkunft, Zukunft, Ablösung
Grüne Citoyens
Peter Sloterdijk hat in seinem Essay für den »Spiegel« vor gut zwei Wochen die Reaktion der bürgerlichen Politik auf den Aufstand des Bürgertums treffend als »Bunkerreflex gegen die Störung der Routinen« beschrieben. Diese Reaktion ist aber noch mehr, es ist die Aufkündigung eines jahrzehntealten Pakts zwischen den bürgerlichen Parteien und ihrer Klientel.
Wer sich in den Bunker zurückzieht, tut das, um sich vor den Gefahren der Welt in Sicherheit zu bringen, die er nicht mehr beherrschen kann. Der von Union und FDP gefeierte Sieg bei der Bundestagswahl im letzten Herbst erweist sich knapp ein Jahr danach in Wahrheit als Niederlage. Über den Volksentscheid gegen die Schulreform in Hamburg, den Widerstand gegen den Neubau des Stuttgarter Hauptbahnhofs bis zum Protest im niedersächsischen Wendland gegen den Castor-Transport zieht sich diese Spur der Ablösung.
Doch es ist keinesfalls ein Aufwachen aus »systemrelevanter Lethargie«, wie Sloterdijk meint, noch sind es die Bürger in ihrer Gänze, die sich widersetzen. Es sind dies vielmehr die von der herkömmlichen Politik, die sich immer nur als Interessenvertretung verstand, emanzipierten Citoyens; Besitzbürger nicht nur im materiellen Sinne, sondern eben auch in jenem, dass sie noch eine Perspektive für sich und die Gesellschaft sehen, in der sie leben.
Die Systemfrage wird nicht gestellt, man fühlt sich nur nicht mehr Wohl in der Gesellschaft derer, die das System mit halsstarrigem Festhalten am Alten, das von ihnen fälschlicherweise als das Bewährte verklärt wird, vor dem Untergang retten wollen. Lethargisch waren diese Bürger nie, sie blieben nur so lang still, solange sie darauf vertrauen konnten, dass die, die von ihnen in politische Ämter gewählt wurden, sich in ihrem Sinne verhalten. Das war die Routine, von der Sloterdijk schreibt, und es war und ist eine wahrlich aktive. Diese Citoyens sind systemrelevant, weil sie der Kitt sind, der die sozialen Klassen dieser Gesellschaft zusammenhält. Wo andere über den Sozialstaat von gestern reden, den es zu retten gilt, wird ihnen aber unwohl, denn auch das ist für sie ein »Bunkerreflex«, ein Festhalten am Alten, Überkommenen. Und sie wissen mittlerweile eine relevante, relative Mehrheit für diese Ansichten hinter sich.
An diesem Wochenende trifft sich ihre neue Partei in Freiburg im Breisgau. Auch das sicherlich kein Zufall. Hier wirkte einst Martin Heidegger und der sagte schon 1953: »Herkunft aber bleibt stets Zukunft«. Ein Satz wie eine politische Grundsatzerklärung für die neuen Wähler der grünen Partei, die immer schon mehr Gefühl als Partei war.
Das »nd« bleibt. Dank Ihnen.
Die nd.Genossenschaft gehört unseren Leser*innen und Autor*innen. Mit der Genossenschaft garantieren wir die Unabhängigkeit unserer Redaktion und versuchen, allen unsere Texte zugänglich zu machen – auch wenn sie kein Geld haben, unsere Arbeit mitzufinanzieren.
Wir haben aus Überzeugung keine harte Paywall auf der Website. Das heißt aber auch, dass wir alle, die einen Beitrag leisten können, immer wieder darum bitten müssen, unseren Journalismus von links mitzufinanzieren. Das kostet Nerven, und zwar nicht nur unseren Leser*innen, auch unseren Autor*innen wird das ab und zu zu viel.
Dennoch: Nur zusammen können wir linke Standpunkte verteidigen!
Mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin:
→ Unabhängige und kritische Berichterstattung bieten.
→ Themen abdecken, die anderswo übersehen werden.
→ Eine Plattform für vielfältige und marginalisierte Stimmen schaffen.
→ Gegen Falschinformationen und Hassrede anschreiben.
→ Gesellschaftliche Debatten von links begleiten und vertiefen.
Seien Sie ein Teil der solidarischen Finanzierung und unterstützen Sie das »nd« mit einem Beitrag Ihrer Wahl. Gemeinsam können wir eine Medienlandschaft schaffen, die unabhängig, kritisch und zugänglich für alle ist.