Ohne Kopftuch

Alawiyya Sobh mit Marjam in Libanon

  • Fokke Joel
  • Lesedauer: 3 Min.

Die Geschichte beginnt mit einem Desaster. Erst verschwindet der Roman, dann die Autorin. In jahrelanger Arbeit hatte Alawiyya Sobh die Geschichten von Verwandten und Freundinnen aufgeschrieben. Dann plötzlich ist sie weg. »Dass der Held eines Romans sich gegen den Autor verschwört«, klagt ihr Kollege, der Dramatiker Suhair, »kann durchaus passieren. Das ist nichts Neues. Aber dass der Autor sich gegen seine Figuren verschwört!« Suhair wollte aus den Geschichten des Romans ein Theaterstück machen. Daraus wird nun nichts.

Immerhin springt in Alawiyya Sobhs Roman Marjam selbst als Erzählerin ein. Wobei diese fiktive Alawiyya von der wirklichen Alawiyya zu unterscheiden ist. Aber vielleicht ist Marjam das Alter Ego der wirklichen Autorin. In einem spannenden Vexierspiel stellt sich immer wieder die Frage nach dem Sinn des Erzählens, aber auch nach der Authentizität des Erzählten. Erzählt man einem Mann dieselbe Geschichte anders als einer Frau? Wie wirklich kann eine Romanfigur sein? Anhand der eigenen Geschichte spricht Marjam von ihrer Generation. Zum Beispiel, wie sie in den siebziger Jahren dank ihrer älteren Schwestern das Kopftuch ablegen konnte. Die hatten noch vom Vater Prügel einstecken müssen für ihren »zügellosen Auftritt«. »Solche ›Verstöße‹ ... ebneten uns jüngeren den Weg für mehr Freiheiten.« Dann kam der Bürgerkrieg und breitete sich in Beirut wie ein Geschwür aus. Doch statt vom Krieg erzählt Marjam von den Menschen, die sich verändert haben. Zum Beispiel von ihrer Freundin Ibtisâm. Früher hat sie Marjam aufgebracht gefragt: »Wie lange willst du dir die Schläge von deinem Vater und deinem Bruder noch gefallen lassen?« Dann verwandelt sie sich nach und nach. Ablesen kann Marjam das daran, was Ibtisâm antwortet, wenn sie wissen will, was sie unter »wir« versteht: »Wir Menschen«, erwiderte sie manchmal. »Wir Widerstandskämpfer«. »Wir Träumer« oder »wir Rebellen«. »Wir Verlierer«, lautete irgendwann die Antwort. Später hieß es »wir Muslime«, »wir Araber«, »wir Libanesen«, »wir Frauen«, bis es schließlich zu »wir, die Familie« wurde. Am Ende heiratet sie einen Mann, der nicht erträgt, dass sie eine eigene Meinung hat. Ibtisâm passt sich ihm an, verlässt kaum noch die Wohnung und will nichts mehr von den Freundinnen wissen.

Männer hätten wahrscheinlich andere Geschichten erzählt. Suhair zum Beispiel, der Co-Autor der fiktiven Alawiyya: »Mich interessieren vielmehr die großen Fragen des Lebens, Fragen, die sich um den Menschen und die Freiheit drehen. Und mich interessiert herauszufinden, wer den Krieg geplant hat, was die Gründe sind, und was uns geritten hat, unser eigenes Land zu zerstören und uns selbst in ein derartiges Deasaster zu manövrieren!«

Trotzdem ist »Marjams Geschichten« kein Agitprop-Roman für Frauen. Sie und ihre jüngste Geschichte im Libanon stehen zwar im Zentrum des Buches. Aber die Welt von Alawiyya Sobh zerfällt nicht in Gut und Böse. Immer wieder fragt sich Marjam, weshalb sich ihre Freundinnen so bedingungslos ihren Männern unterordnen. So dass »Marjams Geschichten« ein differenziertes, aus weiblicher Sicht erzähltes Panorama der libanesischen Gesellschaft ergibt, das auch in Europa mit seinen moslemischen Migranten von großer Bedeutung ist.

Alawiyya Sobh: Marjams Geschichten. Übersetzt von Leila Chamaa. Suhrkamp Verlag, 474 S., geb., 34 €.

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