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Archilochos Lebensfreude
Ein antikes Sammelsurium
Die antike Geisteswelt bleibt ein unerschöpflicher Born, aus dem jenes Urwasser fließt, das den Grundstoff der europäischen Kultur bildet – und nicht nur der europäischen. Kunst in Wort und Figur, Tragödie und Komödie, Wettstreit jeder Art, ob sportlich, musisch oder sozial, Philosophie, politische Traditionen, Fairness und Verrat, Kriegskunst und Antikriegsdenken, die Geschichtsschreibung, zu Herzen gehende Liebeslyrik und Pornographie nehmen dort ihren Anfang. Selbst den kalauernden Witzbold, den Sexprotz, den Vielfraß, Schluckspecht, Denunzianten, Hochstapler und natürlich den bezahlten, öffentlich gefeierten Berufsathleten kannten bereits die alten Griechen und Römer.
In ihre bunte, vielfältige, kuriose, bizarre und skandalträchtige Welt führt ein kleines Buch ein, das anders als der deutsche Titel ausweist, die gesamte Antike zum Gegenstand hat: vom frühgriechischen Lyriker Archilochos (7. Jahrhundert v. u. Z.) bis zum spätrömischen Historiker Ammianus Marcellinus (4. Jahrhundert). Sein Verfasser, ein angesehener Althistoriker aus Oxford, lässt vor allem die antiken Quellen sprechen und beschränkt sich nur auf knappste Kommentare. So entsteht ein authentisches Bild antiken Lebens, in das hineinzublicken nicht ohne Reiz ist. Abbildungen und Begriffserklärungen erleichtern das Verständnis und erhellen die vergnügliche Lektüre.
Die Quellen berichten über Reisen und Wunder, über Militärisches, seltsame Überzeugungen, gefährliche Prophezeiungen, Gesellschaftsklatsch und vieles mehr. Ein schönes, und auch nachahmenswertes Beispiel einer wenig konsequent-kriegerischen Haltung und dafür Lebensfreude liefert Archilochos: »Ein Thraker protzt jetzt mit dem Schild,/ Den ich unwillentlich neben einem Busch zurückließ./Doch was soll’s – hab ich mich doch selbst gerettet!/ Was kümmert mich jener Schild?/ Ich werde mir einen ebenso guten neuen besorgen.« Ein für damalige Zeiten kühnes Gedicht, denn der Verlust des Schildes galt als ungeheure Schande. Aber Leben, Liebe und der volle Becher sind besser als der schnöde Heldentod.
Manche Partei heute sollte über folgende Anekdote zu Sokrates nachdenken: »Wenn er bei Diskussionen seinen Standpunkt zu hartnäckig vertrat, wurden die Leute oftmals auf ihn wütend, schlugen ihn mit Fäusten … oder lachten ihn zumindest höhnisch aus. Er jedoch ertrug alles geduldig. Als sich jemand einmal über seine gelassene Reaktion auf einen Fußtritt wunderte, fragte ihn Sokrates im Gegenzug: ›Wenn mich ein Esel getreten hätte, sollte ich den … auch vor Gericht bringen?‹«
Wer wissen möchte, was Schlangen im Traum bedeuten, wo ein Witzbold nicht begraben sein will, welche merkwürdigen Berufe es in der Antike gab, welche Tiergeschichten man sich erzählte oder auf welche Aphrodisiaka man vertraute, der nehme dieses kurzweilige, lehrreiche Buch zur Hand.
Philip Matyszak: Antikes Sammelsurium. Skurriles und Kurioses von Ovid bis Caesar. Theiss, Stuttgart. 192 S., geb., 19,95 €
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