PLATTENBAU

  • Martin Hatzius
  • Lesedauer: 3 Min.

Wer zum ersten Mal von der Kleingeldprinzessin hört und von den Stadtpiraten an ihrer Seite, der mag an ein urbanes Schneewittchen und an dessen sieben Zwerge denken - so märchenhafte Namen. Aber das ist Quatsch, denn die Stadtpiraten sind nur zu dritt. Auch der nächste Verdacht ist unbegründet: Bei den Dreien handelt es sich eben nicht um die Führungsspitze dieser lustigen neuen Partei im Berliner Abgeordnetenhaus. Zwar haben es auch Jan Rohrbach, Nicolai Ziel und Leon Schurz zuweilen mit Kabeln zu tun, doch hängt daran dann kein Notebook, sondern ein Musikinstrument. Die Stadtpiraten, eine pfiffig jazzige Bossa-Band, sind Stadtmusikanten; der Esel - um, was sich nicht schickt, im Bild zu bleiben - am Schlagzeug, der Hund am Bass, der Kater an der Elektrogitarre.

Bleibt zu klären, wer kräht. Dota Kehr, die Kleingeldprinzessin, ist alles andere - !!! - als ein heiserer Hahn. Aber ganz wie der Grimm'sche Gockel und seine vierbeinigen Gefährten sang sie einst auf der Straße, daher das Pseudonym. Heute musizieren die Vier in den Räuberhöhlen großstädtischer Häuserwälder. Etwas Besseres als den Tod findest du überall. Etwas Besseres als Dota und die Stadtpiraten ist in der deutschsprachigen Liederlandschaft derzeit schwer zu finden.

Die jüngste CD heißt »Das große Leuchten«, ein Live-Album, das neben einigen älteren Liedern auch sieben neue enthält - ein guter Einstieg ins Dotaversum. Die unverstellte Ehrlichkeit, mit der die singende Akustikgitarristin in ihren poetischen Liedern dem wirklichen Leben begegnet, die Abwesenheit jeder ironischen Attitüde, die fröhliche Gelassenheit gegen den Zeitgeist, der die Leute mit der Peitsche vor sich hertreibt - all das macht die Schönheit dieser Musik aus: »Ich bin nicht cool, aber ich leuchte bei Nacht.«

Dabei ist der Kapitalismus, ohne immer beim Namen genannt zu werden, Thema vieler Lieder: Er wird darin aufgenommen, abgeschminkt und bar all seiner kostspieligen Reize wieder fortgeschickt. Wer Dota zuhört, sieht den Kaiser nackt. Das ändert nichts daran, dass Publikum und Musiker, sobald das Konzert zu Ende ist, selbst wieder mit nach den neusten Kleidern hetzen. Kinderarbeit? Massentourismus? Atomkraft? »Es sind immer die Andern«, singt Dota und weiß: von wegen.

Das Politische drängt sich nicht auf. Viele Stücke besingen Privates: den Sog der Einsamkeit, den Hexenritt der Fantasie, die heimliche Macht der Liebe. Subversiv ist das Quartett der etwa 30-Jährigen dennoch fast immer, weil es den Traum aufrecht erhält, sich nicht blenden oder vereinnahmen zu lassen (alle zehn Dota-Platten erschienen übrigens in Eigenregie). Diese Lieder, wenn man so will, spielen das richtige Leben im falschen vor. Utopisches Theater, inmitten der Welt, wie sie ist. »Und in meinem Kopf ist ein Astronaut, / der geht schwerelos spazieren. / Irgendwann wird er den Funkkontakt zur Bodenstation / eventuell verlieren.« Hoffentlich nicht.

Dota und die Stadtpiraten: Das große Leuchten (Kleingeldprinzessin Rec./ Broken Silence)
Dota live (im Duo mit Jan Rohrbach) am 22.12., 20.30 Uhr, Kino Union, Berlin-Friedrichshagen

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