Weg mit Euch!
»Effi Briest« am Gorki Theater Berlin
Es beginnt im Nebel. Zwei Scheinwerfer, steil von oben herab leuchtend, durchdringen ihn kaum. Inmitten dieser verschleierten Szenerie also nur zwei Lichtpunkte und die Frage, ob wir doch von dort oben stammen, ob wir doch zu den Sternen zurückkehren.
Jorinde Dröse hat versucht, dieses »doch« zu inszenieren, dieses: dennoch Traum. Fontanes Frauwerdungsgeschichte bezaubert ja immer noch mit einem schier maßlosen Pragmatismus, jedoch bei ihm immer poetisch, nie banal. Allerdings: Die Sterne, sie glänzen für den vom Alltag gebeugten Lebenswanderer nur als nächtliches Spiegelbild auf lauter Pfützen, durch die er hindurch muss. Ohne nass zu werden, geht das kaum. Effi Briest gehört zu denen, die sich weder mit dem Sternenspiegelbild zu ihren Füßen begnügen, noch Angst davor haben, nass zu werden. Keine frühfeministische Rebellin, aber eine Alleingeherin - aufrecht, nicht gebeugt, auch wenn Fontane sie im Roman schließlich sterben lässt. Wir wissen, das Vorbild zu Effi Briest lebte ein langes selbständiges Leben.
Was an diesem Stoff ist gegenwärtig, was rechtfertigt es, ihn heute auf die Bühne zu bringen? Das Thema einer von ihrem Mann verlassenen (in Schande verstoßenen!) Frau sicherlich nicht. Große Effi-Briest-Darstellerinnen im Film von Marianne Hoppe über Hanna Schygulla bis zu Angelica Domröse haben sich damit auch nie zufrieden gegeben. Ende der 90er Jahre spielte Regine Zimmermann mit Effi Briest hier am Gorki Theater ihre erste große Rolle. Schmal und zerbrechlich wirkend, leicht zu ängstigen, voller falscher Vorstellungen vom Leben ließ sie die bis eben verwöhnte Effi, der es in Hinterpommern so schauderte, immer feenhaft einige Zentimenter über dem Boden schweben. Die Inszenierung damals: Plädoyer für eine Naivität, die wie fruchtbarer Boden ist, auf dem alles wächst, was einen Wert hat.
Was Jorinde Dröse mit ihrer Inszenierung im Sinn hat, will mir allerdings nicht recht klar werden. Zu sehen ist viel ironisches Ausmalen. Im Hintergrund laufen Filmsequenzen (Instettens Hund erscheint als Zeichentrickfigur). Das Spiel vorn auf der Bühne ist ganz auf Anja Schneider als Effi zugeschnitten, die anderen Figuren werden fast zu Staffage wie ihr Mann Instetten (Robert Kuchenbuch) oder zur Karikatur wie ihr kurzzeitiger Geliebter Crampas (Paul Schröder). Die Männer, will Jorinde Dröse uns wohl sagen, zählen ohnehin nicht mit. Aber woher dann die Gespenster?
Anja Schneider, zweifellos eine gute Schauspielerin, scheint hier allzeit zu fest, geradezu stämmig auf dem Boden der Tatsachen zu stehen. Da ist in all dem geradlinigen Wollen nichts vom Traumüberschuss der Lebensanfängerin zu spüren, stattdessen nerviges Herumhüpfen und Zappeln mit Springseil, das jugendlichen Energieüberschuss simuliert.
Damit soll nicht gesagt sein, dass Anja Schneider mit gut dreißig Jahren zu alt für die Rolle der siebzehnjährigen Effi wäre. Auch Angelica Domröse war in diesem Alter - und spielte hinterher noch die DDR-Effi namens Paula. Anja Schneider als leichtsinniges Girlie auf jenem »weiten Feld«, auf das Vater Briest (Wilhelm Eilers) ständig ausweicht? Nein, die Inszenierung lässt sich auf ihre unübersehbar weibliche Schwere gar nicht ein, ignoriert das, was der Zuschauer ständig vor Augen hat. So etwas aber ist auf der Bühne tödlich.
Nach der Pause, nach dem Schnitt: Effi allein in Berlin, getrennt von Mann und Tochter. Da kommt nicht nur endlich Effi Briest zu sich, sondern auch Anja Schneider. Weg mit Euch!, schreit sie den Hütern jener abstrakten Moral entgegen, die Seelen mordet. Da ist sie dann in ihrer Rolle, darf Erfahrung spielen. Hier beginnt der Abend auf andere Weise zu atmen.
Nächste Vorstellung: 18. Januar
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