Neues Buch gegen die alte Mafia

Roberto Saviano

  • Katja Herzberg
  • Lesedauer: 3 Min.

Dichtes Gedränge im Foyer der Akademie der Künste (AdK). Wenige Minuten vor dem Auftritt von Roberto Saviano kämpft eine Menschentraube an der Kasse um die letzten Eintrittskarten. Der Superstar der italienischen Anti-Mafia-Bewegung ist nach anderthalb Jahren wieder zu Gast in Berlin.

Immer mehr Italiener und Deutsche wollen den Autor des Erfolgsromans »Gomorrha« einmal hautnah gesehen haben - so lange dies möglich ist. Denn Savianos Veröffentlichungen über die Machenschaften der Mafia haben sein Leben auf den Kopf gestellt. Nirgends kann sich der Journalist und Schriftsteller mehr sicher fühlen, seit er 2006 in »Gomorrha« Täter benannte und die Verstrickungen der süditalienischen Camorra im Drogen- und Waffenhandel, illegaler Müllentsorgung und Schutzgelderpressung benannte.

Einschüchtern lässt sich der gebürtige Neapolitaner jedoch nicht. Mit Auftritten in ganz Europa sucht er die Öffentlichkeit, jedoch nie ohne den Schutz von einer Handvoll Carabinieri. Sie begleiteten Saviano auch in der vergangenen Woche, als er sein nun auf Deutsch erschienenes Buch »Der Kampf geht weiter« vorstellte. Der deutsche Titel lässt die Textsammlung aus der italienischen Fernsehserie »Vieni via con me« (Komm mit mir) reißerisch wirken. Ebenso wie der Einspieler eines »3sat«-Beitrages zu Beginn der Lesung mit anschließendem Gespräch, der von »messerscharfen« Texten Savianos berichtet.

Dabei ist das Schockierende, Angsteinflößende, von dem Saviano erzählen will, nicht die Bedrohung, erschossen oder in die Luft gesprengt zu werden. »Meine größte Angst ist nicht, zu sterben, sondern so weiterleben zu müssen.« Er hat sein Leben dem Anti-Mafia-Kampf geopfert. Dabei wolle er kein Held sein. Er könne einfach nicht schweigen, sagt Saviano im Gespräch mit AdK-Päsident Klaus Staeck und dem Journalisten Frank A. Meyer.

»Deutschland ist das perfekte Land für die Mafia«, erklärt Saviano. Denn der deutsche Rechtstaat gehe zu zurückhaltend mit der organisierten Kriminalität um. Noch immer wüssten die Menschen zu wenig darüber, wie sich 'Ndrangheta, Camorra, Cosa Nostra und die anderen Mafia-Organisationen ausbreiten. Über diese Dinge will Saviano vor den 700 Menschen im Publikum sprechen, nicht darüber ob er in Angst lebt.

Erschöpfung steht ihm dabei ins fahle Gesicht geschrieben, Saviano muss sich häufig räuspern und spricht dann doch ermutigende Worte: »Ich bin überzeugt, dass jetzt in der Krise die Chance besteht, darüber nachzudenken, welche Ökonomie wir wollen.« Ein Mentalitätswechsel, wie ihn der Botschafter Italiens, Michele Valensise, bei seiner Begrüßungsrede versprach, reiche nicht. »Der Mafia geht es nicht nur um Profit, es geht um die totale Macht«, warnt Saviano. Dies zu vermitteln, treibt ihn an. Doch wie lange kann er das? Abende wie diese gäben ihm Hoffnung. So trifft es der deutsche Buchtitel doch auf den Punkt. Denn Italien zu verlassen und sich aus dem Anti-Mafia-Kampf zurück zu ziehen, ist für Saviano derzeit keine Option mehr.

Roberto Saviano: Der Kampf geht weiter. Widerstand gegen Mafia und Korruption. Hanser Verlag, München 2012, 176 S., geb. 16,90 €.

Das »nd« bleibt. Dank Ihnen.

Die nd.Genossenschaft gehört unseren Leser*innen und Autor*innen. Mit der Genossenschaft garantieren wir die Unabhängigkeit unserer Redaktion und versuchen, allen unsere Texte zugänglich zu machen – auch wenn sie kein Geld haben, unsere Arbeit mitzufinanzieren.

Wir haben aus Überzeugung keine harte Paywall auf der Website. Das heißt aber auch, dass wir alle, die einen Beitrag leisten können, immer wieder darum bitten müssen, unseren Journalismus von links mitzufinanzieren. Das kostet Nerven, und zwar nicht nur unseren Leser*innen, auch unseren Autor*innen wird das ab und zu zu viel.

Dennoch: Nur zusammen können wir linke Standpunkte verteidigen!

Mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin:


→ Unabhängige und kritische Berichterstattung bieten.
→ Themen abdecken, die anderswo übersehen werden.
→ Eine Plattform für vielfältige und marginalisierte Stimmen schaffen.
→ Gegen Falschinformationen und Hassrede anschreiben.
→ Gesellschaftliche Debatten von links begleiten und vertiefen.

Seien Sie ein Teil der solidarischen Finanzierung und unterstützen Sie das »nd« mit einem Beitrag Ihrer Wahl. Gemeinsam können wir eine Medienlandschaft schaffen, die unabhängig, kritisch und zugänglich für alle ist.

- Anzeige -
- Anzeige -