Kommunalisierung der Schule?

Sigrun Lingel über einen möglichen linken Bildungsdiskurs

  • Andreas Schmidt
  • Lesedauer: 2 Min.
Die erschütternde Einschätzung der PISA-Studie zum Bildungsniveau deutscher Schüler hat die Diskussionen um die Schule als Institution in der Bundesrepublik wesentlich forciert, wobei oft einseitig argumentiert wurde. Mit dieser These beginnt Sigrun Lingel, selbst bildungspolitisch für die PDS engagiert, in ihrem Buch den linken Bildungsdiskurs in Deutschland kritisch auszuleuchten. Derzeit stehen sich in der politischen Öffentlichkeit zwei Gruppen gegenüber: Auf der einen Seite die Befürworter eines freien Bildungsmarktes, auf dem »Wissen«, nebst seinen modernen technischen Voraussetzungen, teuer bezahlt werden muss. Dem stehen die Befürworter staatlich institutionalisierter Bildung mit überraschenden Vorschlägen gegenüber: »Bis in die Kreise der FDP gehen die Forderungen, neu über das Schulsystem der DDR nachzudenken, welches für nicht wenige der politisch Verantwortlichen eine Antwort auf PISA ist«, schreibt Sigrun Lingel. Die Autorin warnt allerdings vor einer Verklärung der DDR-Einheitsschule, die im linken Bildungsdiskurs mit der Forderung korrespondiert, »Privatschulen und Schulen in freier Trägerschaft« zu schließen, weil es nur »eine Schule für alle Kinder« geben dürfe. Diesen nivellierenden Grundzug mit der Tendenz, eine staatliche Beeinflussung von Bildungsinhalten zu tolerieren, kritisiert sie auch an den Lösungsansätzen der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und der PDS. Dagegen weist sie auf die Schulversuche mit alternativen Modellen hin, die es in Thüringen seit den 90er Jahren gibt. Sie greifen ältere reformpädagogische Elemente, z. B. den »Jena-Plan«, auf und verbinden ihn in zeitgemäßen Formen mit modernen Inhalten. Diese Konzepte integriert Lingel in ihre Empfehlung für eine grundsätzliche Akzentverschiebung in der Bildungsdiskussion. Sie plädiert für die organisatorische Verflechtung der Bildungsangebote und technischen Möglichkeiten von regionalen Schulen, Bibliotheken, Vereinen und Privatpersonen zu einem kommunalen Verbund des generationsübergreifenden Lernens und der Begegnung: »Nicht nur, dass dann das Lernen wieder mehr an die Lebenswirklichkeit der Lernenden gekoppelt wäre. Eine Kommunalisierung bedeutet auch eine weitere Demokratisierung von Bildung. Diese schließt eine weitere Erhöhung der Mitspracherechte von Lernenden und Lehrenden ein und ist eine grundlegende Voraussetzung für emanzipatorische Bildungsprozesse.« Sigrun Lingel, Good bye Schule? Ein Beitrag zum linken Bildungsdiskurs, Jena, quer-verlag & vertrieb 2003, 63 S., 6,50

Das »nd« bleibt. Dank Ihnen.

Die nd.Genossenschaft gehört unseren Leser*innen und Autor*innen. Mit der Genossenschaft garantieren wir die Unabhängigkeit unserer Redaktion und versuchen, allen unsere Texte zugänglich zu machen – auch wenn sie kein Geld haben, unsere Arbeit mitzufinanzieren.

Wir haben aus Überzeugung keine harte Paywall auf der Website. Das heißt aber auch, dass wir alle, die einen Beitrag leisten können, immer wieder darum bitten müssen, unseren Journalismus von links mitzufinanzieren. Das kostet Nerven, und zwar nicht nur unseren Leser*innen, auch unseren Autor*innen wird das ab und zu zu viel.

Dennoch: Nur zusammen können wir linke Standpunkte verteidigen!

Mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin:


→ Unabhängige und kritische Berichterstattung bieten.
→ Themen abdecken, die anderswo übersehen werden.
→ Eine Plattform für vielfältige und marginalisierte Stimmen schaffen.
→ Gegen Falschinformationen und Hassrede anschreiben.
→ Gesellschaftliche Debatten von links begleiten und vertiefen.

Seien Sie ein Teil der solidarischen Finanzierung und unterstützen Sie das »nd« mit einem Beitrag Ihrer Wahl. Gemeinsam können wir eine Medienlandschaft schaffen, die unabhängig, kritisch und zugänglich für alle ist.