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Auch ein kleines Dorf hat Kraft

Dechow im Landkreis Nordwestmecklenburg ist nicht nur schön, sondern auch lebendig

  • Christina Matte
  • Lesedauer: 10 Min.
Wie ein »lebendiges Dorf« sieht Dechow nicht aus. Tagsüber sind die Straßen leer. Ein berückend schönes Dorf, ein Kleinod, ist es aber trotzdem. Nicht nur, dass es sich vertrauensselig an den Röggeliner See schmiegt, nicht nur, dass es von anderer Seite von sonst rar gewordenen saftigen Heckenkoppeln gerahmt wird - es berührt auch mit eigenem Charme. Wobei Charme ist, was zwischen Worten verrinnt. Wie der Duft rotbäckiger Äpfel, die noch an den Ästen hängen oder, in Holzkisten gestapelt, neben den Fachwerkhäusern lagern. Wie die Patina auf den Backsteinen, aus denen die alten Häuser erbaut sind, selbst wenn sie frisch aus dem Baumarkt stammen. Wie das Gemüt der Reetdächer, die in der Gegend traditionell sind, wie der Mut der Astern und letzten Rosen, die in den gepflegten Vorgärten gegen den November anblühen... Ein schlanker Mann tritt auf die Straße. Er heißt Mario Axel und vertritt als Leiter des Servicebereiches Nord das Biosphärenreservat Schaalsee. Das Biosphärenreservat schafft eine Modellregion für nachhaltige Lebensweise - Dechow (hier pflegt man das »e« zu dehnen) ist ein Teil dieser Region. Axel erzählt von dem »Spagat zwischen Erhalt der Artenvielfalt und dem Streben der Menschen nach materieller Sicherheit«. Im Reservat, auch am Röggelinersee, gebe es Seeadler, Rohrdommeln, Kraniche, Fischotter, Kormorane. Kormorane: der Albtraum der Fischer. Und Tod jedweder Vegetation, welche die Vögel zukoten. Hier besetzen sie nur eine Insel. Axel: »Damit müssen wir leben.« Die Fischer seien »einsichtig«, überhaupt lasse sich mit den Dechowern gut zusammenarbeiten. Der Anteil alter Bausubstanz im Dorf sei überdurchschnittlich hoch, »doch wer neu baut, baut traditionell, das begrüßen wir natürlich. Warum, das können Sie ja sehen.« Dechow in Mecklenburg-Vorpommern. Ausgezeichnet mit zahlreichen Preisen: Im Wettbewerb um das schönste Dorf errang es den dritten Platz im Landkreis, den zweiten innerhalb des Landes, im Bundesvergleich die Silbermedaille. Axel kam aus dem großen Haus, welches das Zentrum des Dorfes bildet. Es ist das Dorfgemeinschaftshaus, das in der jüngsten Dorfgeschichte eine Hauptrolle bekleidet. Im Flur hängt eine Messingtafel, sie ist »den Planern, Erbauern und Sponsoren dieses Hauses« gewidmet. Es folgen 44 Namen, Elli Wolf ist einer von ihnen. Auch das Haus, in dem Elli Wolf wohnt, ist mit seinen schmucken Türen und den Geranien, die vom Balkon ranken, der sprichwörtliche Augenschmaus. Ein armes Dorf kann Dechow nicht sein. 1945 war es eines. Ein »völlig leeres, verlassenes Dorf«, erzählt die 60-Jährige. Die früheren Bewohner seien nach einer Grenzbegradigung, bei der Dechow an Mecklenburg fiel, in den Nachbarkreis gezogen. Einen Kreis, der nicht von den sowjetischen Besatzern verwaltet wurde. So hätten in Dechow Flüchtlinge wieder ein Dach überm Kopf gefunden. Unter anderen Elli Wolfs Familie, die hier Land aus der Bodenreform erhielt. Doch bis 1989 sei Dechow »Passierscheindorf« geblieben. Was 44 Jahre ein Nachteil war, habe sich nun zum Vorteil gewendet. »Bei uns ist kaum jemand arbeitslos, wir fahren in die alten Länder. Es ist ja nicht weit bis Ratzeburg. Außerdem haben wir Großstädte wie Hamburg, Lübeck, Schwerin in der Nähe.« Dies erklärt die leeren Straßen. Und den offenkundigen Wohlstand. Welcher wiederum - zum Teil - Antwort auf die Frage gibt, weshalb viele andere ostdeutsche Dörfer nach fünfzehn Jahren immer noch dem Verfall entgegendämmern. Elli Wolf weist noch darauf hin, dass auch das Land aus der Bodenreform, nachdem das Eigentum endlich geklärt ist, etliches an Wert gewann. »Jetzt machen wir es uns richtig schön. Jetzt kann man ja alles kaufen, was man braucht, um ein Haus hübsch herzurichten und es lange so zu erhalten.« Elli Wolf war mit dabei, als zu Silvester vor fünf Jahren eine Gruppe Dorfbewohner gemeinsam im Dechower Saal feierte. Der gehörte zur Gaststätte, die schon Jahre lang keinen Pächter mehr fand, und verfiel daher rasant. Um überhaupt dort feiern zu können, hatten Strom und Wasser besorgt, viele Stunden geputzt werden müssen, um den vernachlässigten Raum in einen Festsaal zu verwandeln. In jener Silvesternacht wurde ein Dokument aufgesetzt: »Wir möchten, dass nicht nur heute in diesem Saal gefeiert werden kann, sondern noch öfter Veranstaltungen stattfinden. Aus diesem Grund fordern wir die Gemeindevertreter auf nachzudenken, wie dieses Gebäude für die Bürger der Gemeinde als Kultur- und Sportstätte wieder zugänglich gemacht werden kann. Wir sind bereit mitzuhelfen...« Wenn Elli Wolf vom Dorfgemeinschaftshaus spricht, betont sie immer die Gemeinschaft. »Um die geht es doch vor allem. Wenn sie funktioniert, ist ein Dorf lebendig.« Etwa 9000 Arbeitsstunden hätten die Dechower beim Ausbau ihres Dorfgemeinschaftshauses geleistet. »Nicht alle, ein Teil wollte nicht. Das hat die Gemeinschaft gespalten. Doch mittlerweile ist unsere Fraktion größer als die andere. Wir versuchen auch, jene Grundstücke, die noch nicht verkauft werden konnten, ein bisschen in Ordnung zu halten.« Ja, 80 von den 202 Dorfbewohnern seien nun Wessis. »Sehen Sie«, erklärt Frau Wolf, »wir haben auch Leute aus Hamburg hier, die haben sich bei uns Häuser gekauft und zu Ferienwohnungen ausgebaut. Sie sind ganz herzlich aufgenommen, schon weil diese Häuser, die leer standen, nun wieder in fester Hand sind. Doch wir sähen gern, dass sie immer hier blieben. Dass sie hier wohnen, hier ihre Arbeit haben, bei uns ihre Steuern zahlen. Damit wirklich Leben im Dorf ist, damit alle mitmachen.« Ein weiterer Name auf der Tafel im Dorfgemeinschaftshaus: Michael Scheirich. Der 45-Jährige ist gelernter Fliesenleger. Im Augenblick allerdings gehört er zu den sechs Arbeitslosen im Dorf; die Firma kann ihn zur Zeit nicht bezahlen. Vormittags hat er im Lager geholfen, jetzt bittet er uns an den Küchentisch, an dem auch Helene Scheirich, seine 79-jährige Mutter sitzt. Frau Scheirich hatte es 1945 aus Ostpreußen nach Dechow verschlagen. Neun Hektar Land und etwas Wald hatte die Bodenreform ihr übereignet. »Das habe ich wieder abgeben müssen, ist alles hin«, sagt Helene Scheirich, »weil ich doch sieben Kinder hatte und ich das mit dem Land nicht schaffte.« Deshalb wohnt sie mit Michael heute auch nicht in einem eigenen Haus, sondern im Dechower Plattenbau. Der wurde vor 30 Jahren an den Ortsausgang gesetzt, ist aber ebenso aus dem Ei gepellt wie die Ein- und Zweifamilienhäuser... Natürlich, manchmal hadern Scheirichs mit dem Schicksal, das sie zurückgesetzt hat. Trotzdem hat auch Michael Scheirich am Dorfgemeinschaftshaus mitgebaut. »Weil, was früher war, nicht zu ändern ist«, erklärt seine Mutter Helene. »Und weil das alles ja für uns ist.« Sie selbst sei zu alt, um noch helfen zu können, »doch Michael arbeitet für mich mit. Bei fast allen Gemeindeeinsätzen: Badestelle und Steg sind schon neu gemacht, der Wanderweg zum Kuhlrader Moor, die Dorfstraße wird gemeinsam gesäubert... Wenn wir es nicht machen, macht es keiner.« Helene Scheirich hat bis zur Rente für die Kinder des Kreises gekocht. »1800 Essen pro Tag, dabei waren wir nur drei Köchinnen« - darauf ist sie immer noch stolz. Und immer noch braucht sie das Gefühl, zu einer Gemeinschaft zu gehören. »Die Verscheenerung des Dorfes dient doch dem Zusammenhalt. Und das Scheenste ist die Jemietlichkeit bei den vielen Veranstaltungen, die im Gemeinschaftshaus stattfinden...« Michael Scheirich erzählt von der irischen Band, die erst kürzlich aufspielte, von den Kinoveranstaltungen, die nachmittags um drei beginnen und erst gegen Mitternacht enden, von der russischen Hochzeit im großen Saal, die zwei Tage dauerte. Klar, man habe auch Aussiedler hier, »zwei Familien im ersten Block«. Und weil die Dechower nachfühlen können, wie schwer es ist, in der Fremde zu leben, seien die Aussiedler gut gelitten. »Wir wollten hier schon immer mal wissen, wie man Hochzeit auf russisch feiert«, begeistert sich Helene Scheirich, »sie feiern viel fröhlicher als wir Deutsche, sie haben viel mehr Temperament.« Eine fremdenfreundliche Dorfgemeinschaft - schon deshalb war Dechow preiswürdig. Ebenfalls auf der Tafel verewigt: fünft Nachfahren von Karl Wachtel. Auch seine Familie war 46 aus dem Sudetenland gekommen. Auch er hatte mit seiner Frau und den Kindern ein viertel Jahrhundert im Neubaublock am Dorfrand gewohnt, das Häuschen der Eltern nach deren Tod leer stehen lassen und kaum noch gepflegt. Er hatte auch gar keine Zeit, sich zu kümmern: 38 Jahre lang war er in der Genossenschaft »Neues Leben« Hauptbuchhalter. Erst sein Sohn Udo, der nach der Wende aus Berlin zurückkehrte, nahm Renovierung und Umbau in Angriff. Heute leben wieder zwei Generationen unter dem Dach seines Elternhauses, das Karl Wachtel kaum wiedererkennt: So komfortabel ist es geworden, so schön mit der neuen Fassade und dem Atelierfenster, durch das von der Straße aus schicke Rattanmöbel schimmern... Karl Wachtel kneift die Augen zusammen: Ja, er kümmere sich »ein wenig« um die Dechower Dorfchronik. Im Klartext heißt das: Er schreibt sie akribisch. In einer kleinen Dorfgemeinschaft ist jedes Detail ein großes Ereignis: die Goldene Hochzeit von Fenskes, der Peugeot, den Familie Boy gewinnt; die Geburt einer Tochter bei Blumensteins; das Osterfeuer, das Schmücken des Maibaums, die Sitzungen der Gemeindevertretung... »Im Nachhinein«, bedauert Karl Wachtel, »hätte ich den ganzen Hickhack um das Dorfgemeinschaftshaus nicht so ausführlich dargestellt. Doch damals prägte er die Stimmung.« Das »Hickhack« hat Karl Wachtel getroffen. Traf es doch vor allem seinen Sohn Udo, seit 2000 Dechows Bürgermeister. Die alte Bürgermeisterin und ihre Anhängerschaft hatten sich gegen das Gemeinschaftshaus gestellt. Ihre Argumente: nicht finanzierbar, architektonisch schwach, unmöglich! Karl Wachtel versteht das bis heute nicht: »Sollte das Haus denn einfach verfallen?« Er erzählt von der Gründung des Fördervereins, davon, dass jener Teil des Hauses, in dem sich vor Zeiten ein Stall befand, von verschiedenen Firmen ausgebaut wurde. »Doch den Teil, in dem die Gaststätte war, haben wir Dechower selbst aufgemöbelt. Mit Fördermitteln aus vielen Töpfen: 170000 Euro sind in unser Haus geflossen.« Auch so kann »Aufbau Ost« aussehen. Wenn man es versteht, die Töpfe zu öffnen. Wenn man selbst die Ärmel hochkrempelt. Bürgermeister Udo Wachtel, der nach seinem Arbeitstag als Lehrer für Russisch und Englisch nach Haus kommt, lacht: »Ich habe mir damals extra einen großen Hut zugelegt, um ihn vor den Leuten ziehen zu können.« Kein Scherz, den Hut besitzt er tatsächlich. »Die Skepsis war groß: "Das schafft ihr nie!" Doch Wochenende für Wochenende, Feierabend für Feierabend kamen Dechower zu den Arbeitseinsätzen. Einige haben für uns gekocht, da haben wir denn auch zusammen gegessen. Zum Schluss sagte eine junge Mutti: "Nächste Woche ist jeder wieder allein, dann müssen wir wieder selbst kochen, uns wieder selbst um die Kinder kümmern." Es war auch schön, zusammen zu arbeiten.« Udo Wachtel berichtet, »wie wir das Haus füllen«. Jeden Montag finde der Tanzkurs statt, jeden Donnerstag sei Sport, ein Flügel wurde angeschafft, um Konzerte abhalten zu können. Das Haus beherberge den »Radlerpoint« (der Name gefällt ihm noch nicht richtig, »denn er verbindet Bayerisch und Englisch, und selbst Platz wird von vielen Dechowern auf Grund ihrer Herkunft nicht angenommen«). Außerdem befinde sich der »Infopunkt Natura 2000« im Haus, eine Rangerstation, die Anlaufstelle für Touristen und Gäste ist, sowie eine Junior Ranger Gruppe, die sich der Umweltbildung von Jugendgruppen widmet. Beliebt sei das Haus auch als Ferienlager, welches der Förderverein Biosphäre für interessierte Kinder veranstaltet. »Wir wollen Dechow nicht nur als Schlafstätte haben, wir wollen hier lange zusammen leben.« Das Durchschnittsalter liege bei 40, es gebe viele kleine Kinder. Damit die einmal im Dorf bleiben, brauche Dechow mehr Infrastruktur. Die zweite »Schiene« für Dechows Zukunft: »Wir wollen ein Gesundheitsdorf werden.« Udo Wachtel stellt sich vor, »dass Leute dann hier rauskommen, weil sie hier über Altersvorsorge und so etwas Aufklärung finden.« Schon liebäugelt die Gemeinde damit, »dort, wo jetzt die alten Stallungen sind«, ein so genanntes Nach-Reha-Zentrum für Schädel-Hirn-Trauma-Patienten anzusiedeln... »Es ist Aufgabe der Dörfer«, sagt Wachtel, »sich um ihre Entwicklung zu kümmern.« Auch der Name Armin Hartmann steht auf Dechows Ehrentafel. Jetzt hat Hartmann Dung auf dem Acker gestreut und ist dabei, ihn einzuarbeiten. 30 Hektar schafft er pro Tag. Mehr als zu DDR-Zeiten, denn die Technik ist besser geworden. Genau wie Dünge- und Pflanzenschutzmittel, so dass auch die Erträge stiegen. Nur die Mitarbeiterzahl sank. Hartmann ist einer von sechs Gesellschaftern der Dechow GmbH Ackerbau. Und Mitglied im Gemeinderat. Niemals würde er wegziehen. Schon, weil er begeisterter Angler ist. Erst neulich hat er einen Hecht gefangen. Er reißt die Arme auseinander: »So groß war der, genau so groß. So einen müssen Sie erst mal finden.«

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