Wer mehr will, muss in ein anderes Stück gehen

Michael Heinicke inszenierte Strauss »Arabella« in Chemnitz

  • Werner Wolf
  • Lesedauer: 3 Min.
Mit einhelligem Beifall aufgenommene Opernpremieren sind heute Ausnahmen. Die des Chemnitzer Operndirektors Michael Heinicke gehören zu ihnen. Sein Erfolgsrezept scheint einfach. Er nimmt die Werke ernst. Jetzt inszenierte er die lyrische Komödie »Arabella« von Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss. Dabei folgte er der Bemerkung Hofmannsthals, im »Reden ... die eigentliche dichterische Kreation ... zu sehen, den richtigen Ton für das Ganze zu finden«. Der prägt über die Rede der Gestalten hinaus auch die ebenfalls fein geschliffenen Spielanweisungen, Personen- und Situationsbeschreibungen. Obwohl Hofmannsthal während der Arbeit am »Arabella«-Libretto - zugleich zum »Rosenkavalier« - sagte, es sei »fast Operette«, schuf er durchaus hintergründige Szenen des Wiens der 1860er Jahre mit ausgeprägten gegensätzlichen Charakteren. Und Richard Strauss lässt das alles in seiner einzigartigen Weise Klang werden. Aus dem Sinn der Worte und der Musik heraus gestaltet Michael Heinicke, vom Dramaturgen Volkmar Leimert unterstützt, mit seinen Sängerdarstellern ein bis in kleine Gesten und verstohlene Blicke durchdachtes und erfülltes Bühnengeschehen. Seine systematische Ensemblebildung sowie die enge Zusammenarbeit mit Jürgen Freier und Siegfried Vogel als ständige Gäste schufen dafür eine wesentliche Voraussetzung. Diese Künstler sind aufeinander eingestellt, reagieren aufeinander, beflügeln sich gegenseitig. Reinhart Zimmermanns Bühnenbilder zaubern die Atmosphäre des Wiens der 1860er Jahre mit teilweise schon etwas angekratztem Glanz herbei, Elke Eckardt entwarf die der Zeit und der gesellschaftlichen Stellung entsprechenden reizvollen Kostüme. Die Gestalten dieser lyrischen Komödie stehen für verschiedene Schichten der 1918 untergegangenen Habsburger-Monarchie. Der verarmte, in der Hoffnung auf großen Gewinn der Spielleidenschaft verfallene ehemalige Rittmeister Graf Waldner vertritt den seinen Glanz einbüßenden Wiener Adel. Siegfried Vogel kennzeichnet ihn in Darstellung und Gesang überlegen als einen Mann, der nach außen weiter als angesehene Persönlichkeit gelten will, im Hause aber ob seiner finanziellen Verlegenheiten unsicher wirkt und doch gewitzt auf überraschende Wendungen wie die Werbung des reichen kroatischen Gutsbesitzers Mandryka um Arabella reagiert. Diesen Mandryka zeigt Jürgen Freier pointiert spielend und ausdrucksstark singend als vitalen, entschlussfreudigen, energischen, im Auftreten dennoch unsicheren, zugleich empfindsamen und empfindlichen Mann ländlichen Schlages. Astrid Weber verkörpert mit nuancenreichem Spiel und kultiviertem, stark berührendem Gesang Waldners ältere Tochter Arabella als ehrlich und tief empfindendes Mädchen, das Distanz zu den Verehrern hält, naiv auf den Richtigen wartet und ihn urplötzlich in Mandryka erkennt. Mit jugendlichem Temperament und Liebreiz agiert Jana Büchner als Arabellas (aus Geldnot zur Abwehr von Bewerbern) in Männerkleider gesteckte jüngere Schwester Zdenka. Zu den gesanglichen Höhepunkten, die Strauss den Hauptgestalten gewidmet hat, gehört das glanzvoll gesungene Duett beider Schwestern im ersten Akt. Bedacht ausgeformt werden auch alle anderen Partien, so von Donna Morein als Waldners nicht sonderlich intelligente Frau Adelaide, Markop Kathol als hoffnungslos verliebter Jägeroffizier Matteo, André Riemer, Dietrich Greve und Thomas Mäthger als weitere mehr oder weniger galante gräfliche Verehrer Arabellas, Ute Baum als Fiaker-Milli. Niksa Bareza kostet mit der Robert-Schumann-Philharmonie den Klangzauber dieser Partitur über weite Strecken berückend wohlklingend aus und sorgt im Wesentlichen für genaues Spiel. Doch bleibt noch mehr Sorgfalt auf die dynamische Balance zwischen Sängern und Orchester zu legen. Strauss schuf doch Klangteppiche, über denen die Singstimmen aufblühen können. Alles in allem ein musikalisch stark bewegender Abend, ein lächelnd aufzunehmendes Bühnengeschehen, ganz wie es die Autoren wollten. Wer mehr fordert, muss in ein anderes Stück gehen. Nächste Vorstellungen: 2. und 25. Februar, 13. März

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