Schwer giftig

  • Reinhard Renneberg, Hongkong
  • Lesedauer: 3 Min.
Nach den Schrecken des Hurrikans in New Orleans kommen die Folgekatastrophen: Krankheitserreger und bleihaltiges Wasser. Blei (lat. plumbum, von plumbeus: bleiern, stumpf, bleischwer) ist ein chemisches Element, ein Schwermetall. Unsere Altvorderen brachten das Blei mit dem Saturn in Verbindung. Blei hemmt wie alle Schwermetalle (Cadmium, Quecksilber) Enzyme. Symptome des »Saturnismus« sind u.a. Lähmung, Kreislaufstörungen, Gelenkschmerzen, Koliken, Nierenschrumpfung, Taubheit. Blei führt auch zu Unfruchtbarkeit. Taubheit? Die Taubheit Ludwig van Beethovens ließ seine modernen Verehrer nicht ruhen: 1994 erwarben vier Mitglieder der Amerikanischen Beethoven-Gesellschaft bei einer Auktion von Sothebys in London für 7300 Dollar eine Haarlocke des Meisters. Durch Analysen wollte man eine Anhäufung von Quecksilber nachweisen, was aber mislang. Die nur geringen Spuren widerlegten damit die vielfach veröffentlichte These über eine Syphilliserkrankung Beethovens. Diese Krankheit wurde nämlich einst mit quecksilberhaltigen Salben behandelt. Stattdessen fand man reichlich Blei. Als Quelle der Bleivergiftung wird gesüßter Wein vermutet. Wieso dies? Nun, Blei war als Teil von Bronze, als Bestandteil von Gesichtspuder, in vielen Farben, Trinkbechern und Pfannen allgegenwärtig. Im Alten Rom diente es erstmals zum Reparieren der Trinkwasserleitungen - Klempner heist im Englischen plumber. Obwohl die Römer um die Gefährlichkeit von Blei wussten, übersahen oder ignorierten sie einige weniger augenfällige Quellen der alltäglicher Bleivergiftung. Zum Beispiel wurde Essig damals in Keramikgefäßen mit bleihaltigen Glasuren aufbewahrt. Aber Essig reagiert mit Blei, dabei entsteht Blei-acetat. Dieses Salz der Essigsäure ist gut in Wasser löslich, schmeckt süß und wird deshalb Bleizucker genannt. Die Reaktion findet auch bei saurem Wein statt. Bleizucker wurde sogar als Aphrodisiacum extra hinzugesetzt. Da halfen auch keine goldenen Becher mehr - das Imperium vergiftete sich peu à peu selbst. Einige Historiker glauben, dass schon im ersten Jahrhundert vor unserer Zeit Julius Cäsar trotz seiner Liebeseskapaden wegen »Saturnismus« nur einen einzigen Sohn zeugen konnte. Cäsar Augustus war total unfruchtbar und sexuell desinteressiert. Im ersten Jahrhundert unserer Zeit waren viele Aristokraten steril. Auch die mentale Verwirrung der Herren Caligula, Nero und Commodus könnte auf Bleivergiftungen zurückgehen. Die berühmten Wasserleitungen im römischen Reich bestanden innerhalb der Häuser im Wesentlichen aus Bleirohren. Mit der Zeit erhielten die durch Reaktion mit Kohlensäure aus dem Wassers mit der Zeit eine Schutzschicht aus Bleikarbonat (PbCO3). Allerdings ließen manche Römer an Festtagen die Wasserleitungen mit Wein füllen - was die Schutzschicht löste und Bleizucker in großen Mengen erzeugte. Noch im Mittelalter wurde Bleizucker verwendet, und selbst zu Beethovens Zeit war er Weinpanschern noch willkommen. Und heute? Wir alle fuhren Jahrzehnte mit verbleitem Benzin. Wir verschönten unsere Umwelt mit »Bleiweiß« und »Bleirot«, wegen der Leuchtkraft - wohl auch so manches alte Haus in New Orleans. Und manche Keramik aus dem Urlaub konfrontiert uns wieder mit dem Stoff. Und das Trinkwasser? Hier und da sind in alten Häusern noch Bleirohre vorhanden. Dort sollte man nach längerer Zapfpause (z.B. morgens) das abgestandene Wasser ablaufen lassen - so werden gelöste Bleianteile weggespült. Ich kaue am Bleistift wegen einer netten Pointe ... Oh Gott: Blei! Aber keine Sorge, Bleistiftkauen ist ungefährlich! Statt Blei oder Silber enthält er längst Graphit (Kohlenstoff).

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